Debian-Paketbetreuer kritisiert die Distribution
Bild: Alex Makas | Lizenz: GPL-2.0+

Der Schweizer Entwickler Michael Stapelberg hat über mehr als zehn Jahre eine Reihe von Paketen innerhalb von Debian betreut. Zudem ist er der Initiator des Fenstermanagers i3, der Code-Suchmaschine Debian Code Search und dem verteilten IRC-Netzwerk RobustIRC.

Debian kritisiert

In einem Blogeintrag erklärt er jetzt, dass er sein Engagement in Debian auf ein Minimum zurückfährt. Er verbindet diese Erklärung mit einer heftigen Kritik an Debians Strukturen, die ihm die Freude an der Arbeit für Debian verderbe. Zu Beginn seines Engagements für Debian war Stapelberg noch Student, nun steht er seit fünf Jahren im Berufsleben, er arbeitet derzeit bei Google.

In fünf Jahren Berufstätigkeit in einem großen Team habe er viel über Software-Entwicklung in großen Projekten gelernt, so Stapelberg. Er vergleicht seine dort gesammelten Erfahrungen mit der gängigen Praxis in Debian und kommt zu der Erkenntnis, dass viele Praktiken und Werkzeuge in Debian und die Gepflogenheiten der rund 1.000 Entwickler und vieler weiterer Beitragender untereinander die Entwicklung des Projekts insgesamt weit mehr behindern als fördern.

Debian Policy hinderlich

So behindern laut Stapelberg die in der Debian Policy festgelegten und von Lintian forcierten Richtlinien die Umsetzung notwendiger technischer Änderungen über Gebühr. Er mahnt mehr Freiheiten für die Maintainer an, sie sollen auch Änderungen an Paketen anderer Maintainer vornehmen dürfen, ohne einen langwierigen Prozess zu starten, der einen oder mehrere andere Betreuer involviert.

Zu wenig effektive Werkzeuge

Debian fehlten zudem effiziente Werkzeuge, um umfassende Änderungen zeitnah umzusetzen. Viele der vorhandenen Werkzeuge seien veraltet oder ineffektiv. Zudem liege dabei zu viel manuelle Arbeit bei den einzelnen Betreuern. Es genügt ein nicht reagierender Betreuer, um den Prozess aufzuhalten.

Uploads zu langsam

Auch der Prozess des Uploads von neuen oder aktualisierten Paketen steht in der Kritik, da der Weg vom Betreuer bis zum Endanwender mehrere Stunden in Anspruch nehme. Weiterhin stehen der Bug-Tracker und das Archiv der Mailing-Liste auf Stapelbergs Zettel.

Stapelberg wird versuchen, für seine Pakete neue Betreuer oder ein Team zu finden. Er bleibt weiterhin erreichbar und will für die minimale Pflege von Codesearch und den Debian Manpages sorgen. Ansonsten sieht er sich als permanent auf Urlaub.

Probleme nicht neu

Die von Stapelberg angesprochenen Probleme und Defizite sind nicht neu und er ist nicht der erste, der sie anspricht. Aussicht auf kurzfristige Änderung besteht trotzdem nicht. Das Projekt verwaltet sich selbst, es gibt keinen noch so wohlwollenden Dikatator, der die Richtung vorgibt. Ob die kritisierten Zustände Debian am Ende zur bloßen Basis für die vielen darauf basierenden Distributionen degradieren oder ob vorher kollektiv die Reißleine gezogen wird und die Probleme angegangen werden, bleibt offen.

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Alle Kommentare
  • Matthias Böhm

    12.03.2019, 07:35 Uhr

    Schade, die Strukturen scheinen mir Stärke und Schwäche zugleich zu sein. Ein wohlwollender Diktator wäre das Ende, dann wäre es nur noch ein Projekt gleichen Namens. Ich finde Debian überaus erfolgreich, es muss nicht die alle glücklich machende Distribution sein indirekt hat Debian immernoch großen Einfluss. Als nicht beteiligter Aussenstehender wäre es mir lieber, wenn das Projekt an seinen demokratiischen Strukturen festhält anstatt den um jeden Anwender zu kämpfen, der andere Prioritäten hat. Allerdings ist die Kritik an den im Artikel genannten Punkten nicht konkret genug, die Uploadgeschwindigkeit wird ja wohl nicht ausschlaggebend gewesen sein, was stört denn an den Richtlinien genau?

    • Ferdinand Thommes

      12.03.2019, 10:13 Uhr

      Die Kritik ist schon berechtigt, allerdings greift sie meiner Meinung nach stellenweise zu kurz oder daneben. Debian ist klar überaltert, was viele der Werkzeuge betrifft. Auch Teile der Infrastruktur behindern eine zügige Entwicklung. So etwa bei NEW, der Station bei der alle neuen und lizenzrechtlich bedenklichen Pakete von den FTP-Mastern durchgewunken werden müssen. Hier hängen Pakete oft viele Monate und behindern die Veröffentlichung von neuer Software. Die Debian Policy wird oft als überfrachtet wahrgenommen, die Debian-Paketstruktur als zu kompliziert. Auch Entscheidungsprozesee dauern oft zu lange. So ist Debian mit Buster die vorletzte der großen Distributionen, die den Usrmerge einführt.

  • tuxnix

    12.03.2019, 13:20 Uhr

    Als User merkt man von diesen Mängeln wenig. Wenn man den aktuellen Erfolg von MX Linux betrachte, dann sieht man auch, dass Debian hierzu alles bereitstellt.

    Ich hab den Eindruck dass Debian fast die einzige Distribution ist, die sich aufopferungsvoll um die lizenzrechtlichen Dinge kümmert. Es ist viel Arbeit damit verbunden Entwickler einzeln anzuschreiben um sie zu bitten die Lizenzen so zu ändern, dass die Software auch frei genutzt werden kann. Dass so etwas Umstände bereitet und die Dynamik aufhält sollte nicht verwundern.

    • Ferdinand Thommes

      13.03.2019, 11:12 Uhr

      Jetzt hat sich auch der ehemalige Debian Project Leader (DPL) Lucas Nussbaum zu der Kritik von Stapelberg zu Wort gemeldet. Vielleicht ist das der Start zu einer breiteren Diskussion über die Kritik und was man tun kann um die Probleme anzugehen. Leider laufen solche Diskussionen bei Debian oft nach Wochen ins Leere, um dann im nächsten Jahr erneut aufgegriffen zu werden. Streitpunkte werden so seit Jahren totdiskutiert, ohne dass es Ergebnisse gibt.

  • tuxnix

    14.03.2019, 04:30 Uhr

    Da ich kein Debian Paketbetreuer bin möchte ich mir Inhaltlich kein Urteil anmaßen. Die Kritik von Michael Stapelberg scheint mir jedoch sehr profund. Betroffen macht mich vor allem die Aussage, dass er wenig Hoffnung hat, die Verbesserungsvorschläge bei Debian verwirklichen zu können.
    Diskussionen mit 1000 Entwicklern gleichzeitig müssen ergebnislos verlaufen. Je differenzierter Menschen sind um so mehr Vorschläge und Varianten hat man am Ende gegeneinander abzuwägen.
    In der Demokratie gibt es aber auch die Möglichkeit, dass sich kleinere Arbeitsgruppen zusammentun und die Initiative übernehmen. Ich denke einmal, genau dies hat Stapelberg auch im Sinn, denn sein Schlußsatz lautet: “Lastly, I hope this post inspires someone, ideally a group of people, to improve the developer experience within Debian.”