Erfahrungsbericht: Linux-Tablet JingPad A1

Tablet mit bekannter Designsprache und GNU/Linux-Ambitionen

Ein Leserbericht von Franz Kuntke

Auf der Webseite zum JingPad wird das Tablet mit großen Worten beworben: “JingPad A1 is the World’s First Consumer-level Linux Tablet”. Nachdem im Juni hier bei Linuxnews auf das Crowdfunding für das JingPad A1 aufmerksam gemacht wurde, kommen nun seit etwas über einen Monat die Geräte bei allen (Vor-)Bestellern an – und ich gehöre dazu. Da ich sowohl Linux, als auch mobile Endgeräte toll finde, habe ich das Projekt bereits Anfang des Jahres mit Interesse verfolgt und mir auch einen Platz im Beta-Programm zum JingPad A1 reserviert. Mitte Oktober habe ich dann die JingPad A1 Hardware inkl. Tastatur-Cover erhalten und möchte nun meine Erfahrungen bisher in diesem Bericht teilen – mittlerweile kann man das Gerät nämlich auch regulär im Shop für 699 USD bestellen.

Solide Hardware

Im Inneren des Pads steckt der UNISOC Tiger T7510. Laut Datenblatt des JingPad A1 hat diese CPU insgesamt 8 Kerne (4x Cortex-A75 mit 2.0GHz und 4x Cortex-A55 mit 1.8GHz). Der CPU stehen 8GB RAM (LPDDR4) und ein 256GB Flash-Speicher zur Seite. Vom Flash-Speicher sind ca. 184GB auf /home eingehangen und frei nutzbar und 40GB auf /. Die restlichen gut 20GB sind auf 51 weitere Partitionen verteilt, wovon jedoch nur eine Partition mit 10MB aktiv auf /mnt/vendor eingehangen ist. Das aus meiner Sicht Spannendste an dem Tablet ist der 11″ Bildschirm. Dank AMOLED-Technik kommen die Farben subjektiv sehr gut rüber und der Schwarzwert ist exzellent – noch mehr als bei manchen anderen OLED-Geräten fällt es mir bei dem JingPad tatsächlich schwer den “echten” Rand von dem schwarzen Hintergrund der Systemleiste zu unterscheiden. Weiterhin entsteht das Bild auch recht nah an der spiegelnden Glasoberfläche, was für die Nutzung des (mitgelieferten) Stylus auch praktisch ist.

Auch LinuxNews macht auf dem Bildschirm Spaß!

WiFi funkt in den 2.4GHz/5GHz Bändern und auch Bluetooth 5 ist an Board. Weiterhin ist ein 5G-Modem verbaut, das jedoch nicht (mehr) offiziell beworben wird – obwohl es Erfolgsberichte innerhalb der Community gibt. Angeblich werden die 5G-Bänder n41, n78 und n79 unterstützt und sollte die technischen Voraussetzungen auch für die deutschen Netze erfüllen. Mangels 5G-Vertrag konnte ich das leider nicht testen. Dass meine SIM mit LTE-Vertrag (Telekom) dennoch erkannt wird, wird mir mit einem Signal-Indikator bestätigt. An weiterer Peripherie hat das Pad eine Vorder- und Rückkamera mit 8 MP (2448×3264) respektive 16 MP (4608×3456). Die rückwärtige Kamera kann auf zwei LEDs als Blitzlicht zurückgreifen.

Zwei Mikrofone an den Seiten und zwei Lautsprecher erlauben sowohl die Aufnahme, als auch Wiedergabe von Audio in Stereo. Leider hat das Gerät keine Buchse für 3.5mm Klinke. So muss man entweder den USB-C-Port mit Adaptern bespielen, oder Bluetooth-fähige Kopfhörer nutzen. Die Akkulaufzeit ist auch in Ordnung. Nachdem mit JingOS 1.1 nun das WiFi in Energiesparmodi versetzt wird, wenn das Gerät nicht genutzt wird, hält es realistisch einige Tage mit spontaner Nutzung durch. Die theoretische Idle-Zeit (mit deaktivierten WiFi/Bluetooth) lag mit JingOS 1.0 aber bereits bei ca. 8 Tagen. Das finde ich respektabel und könnte damit genau einen meiner Anwendungsfälle für so ein Multimedia-Brett erfüllen: Einmal pro Woche aufladen, und ansonsten spontan auf dem Sofa damit für paar Minuten surfen oder Videos schauen.

Mitgeliefertes Zubehör

Mitgeliefert wird neben dem JingPad A1 ein USB-Netzteil (US-Plug!) und USB-Kabel, sowie ein Cover mit Lederimitat, das durch ein sehr dezent aufgebrachtes JingLing Logo geziert wird und das Tablet sowohl vorn als auch hinten vor Kratzern und Stößen schützt. Da drei Seiten offen sind, könnten jedoch spitze Gegenstände in einer Tasche am Metallrand des Pads kratzen. Das Tablet dockt in dem Cover per starken Magneten an und sitzt sofort an der richtigen Position. Insgesamt fühlt sich das wertig an

Das mitgelieferte Cover inkl. dezenten JingLing-Logo macht einen guten Eindruck.

In dem Cover ist über dem Tablet eine magnetische Kerbe, in die man den Stylus einlegen kann, der dann andockt und recht fest sitzt. Das finde ich schön gelöst. Alles zusammen (Cover + Stylus + JingPad A1) bringt 810 Gramm auf die Waage. Das ist vergleichsweise gut für die Art des Covers. Das Tablet selbst wiegt 494g und ist damit etwas schwerer als ein iPad Pro 11″ in 3. Generation von 2021 (466g).

Optionales Keyboard-Cover

Optional erhältlich ist das Keyboard-Cover. Dieses Teil ist eine Wucht – vor allem was das Gewicht angeht. An Metall wurde hier nicht wirklich gespart und somit wiegt das Cover allein mit 710g deutlich mehr als das Tablet. Zusammen bringt es das “Tabletop”-Gespann auf 1.2 kg. Das war für mich etwas überraschend und enttäuschend, da manche 13″-Laptops und sogar Convertibles weniger wiegen.

Da kommt was zusammen – ein Laptopersatz in 11\” dürfte auch etwas leichter sein.

Auch das Keyboard-Cover dockt das Tablet per starken(!) Magneten an die richtige Position. Das fühlt sich wirklich sehr solide an und man muss schon etwas mehr Druck ausüben, um die Bindung wieder zu lösen. Ein “Kickstand” lässt sich unter der Tastatur nach hinten herauslösen, wodurch das Tablet gegen nach-hinten-umkippen gesichert ist. Damit lässt sich das Ganze auch wie ein Laptop auf dem Schoß einigermaßen bequem benutzen – mit dem eher wackeligen Surface Go-Cover hatte ich damit beispielsweise immer so meine Probleme.

Ansonsten ist das Keyboard erwartungsgemäß für ein 11″ Gerät mit recht kleinen, aber immerhin leisen Tasten bestückt. Auch das Touchpad ist klein, der Klick allerdings deutlich zu hören. Insgesamt aber in Ordnung für so ein Gerät. Für den Transport des Stylus hat das Keyboard-Cover leider keine schöne Lösung. Es gibt lediglich auf der Außenseite einen magnetischen Bereich, an den man den Stylus befestigen kann. Folglich kann bei Transport der Stylus abgestreift werden und verloren gehen – hier hätte ich mir eine Integration in das Keyboard-Cover gewünscht.

Bekannte Designsprache

Die Hardware des JingPad selbst ist ja noch keine Besonderheit, sondern die Kombination aus Hardware und Betriebssystem. Der Werbeslogan verspricht viel: Ein Tablet mit einem echten Linux (“the FIRST Linux Tablet OS”) und das Ganze auf einem “Consumer-level”, sodass man es auch als “daily driver” nutzen kann. Was bei Nutzung und auch den Mockups und Screenshots direkt auffällt, ist die Designsprache, die starke Verwandtschaft zum Apple-Universum hat. Die meisten Gestaltungselemente erinnern einfach stark an iPadOS. Nur an manchen Stellen sind im System alte Bekannte aus der KDE-Umgebung ersichtlich, z.B. die Terminal-Applikation “Konsole”, oder Sounds bei Lautstärke-Änderung. Da ist es auch nicht verwunderlich, dass die technische Basis für die Oberfläche von KDE Plasma stammen soll.

Der Startbildschirm und manche Standardapps sind extrem nah am Design von iPadOS

Ungeachtet der offensichtlichen Kopie von Designelementen finde ich es insgesamt optisch ansprechend und vom grundsätzlichen Bedienkonzept praktisch: Alle Applikationen werden im Vollbild gestartet. Mit einem Wisch von der unteren Bildschirmkante nach oben wird das Programm minimiert und man kommt zur Startseite. Wischt man auf der Startseite nach oben, werden alle minimierten Programme in einer Kacheldarstellung angezeigt. Wischt man mit drei Fingern vertikal, kann man zwischen geöffneten Programmen wechseln. Schließen kann man eine App (1) durch zweimaliges Wischen aus einer Seite in den Bildschirm herein, (2) auf der Kacheldarstellung durch Schieben der App in den oberen Bildschirmrand, oder (3) bei klassischen Programmen wie gewohnt über das Menü (“Datei -> Beenden”, o.ä.) bzw. per Tastenkürzel (meist “CTRL” + “Q”).

Tatsächlich ein echtes GNU/Linux?!

Im Unterbau setzt das System auf ein Ubuntu LTS 20.04. Der Kernel ist ein staubiger 4.14er (aktuell 4.14.133). Mittels vorinstallierten Terminal (die KDE-App Konsole) lässt sich auch die gewohnte GNU/Linux-Umgebung nutzen, inkl. Applikations-Management per apt und dpkg. Viele der nützlichen kleinen Shell-Tools laufen, von ssh über git, htop, vim bis hin zu tmux haben bei mir alle Standardtools funktioniert und waren bereits per voreingestellten Repositories erreichbar. Per cargo gitui nachinstallieren? No Problemo! Das fühlt sich insgesamt toll an und war für mich immer ein Ärgernis mit Android-basierten Geräten – und noch viel mehr mit dem Apple-Ökosystem. Auf dem JingPad A1 fühlt man sich somit viel mehr “Herr der Lage” dank des Zugangs zur Konsole und der vertrauten Linux-Umgebung.

Konsole + Ubuntu-Basis: Arbeiten in der Shell kann nun auch auf Tablets Spaß machen!

Blickt man in Richtung grafischer Programme (Stichwort: Multimedia), sieht es allerdings noch nicht ganz so rosig aus. Es gibt nur wenige Programme in dem offiziellen App-Katalog und es bedarf noch manueller Nachjustierung der Skalierung von klassischen GTK- oder QT-Anwendungen, damit Menüs auf eine akzeptable Touchscreen-kompatible Größe gebracht werden. Zu den wenigen Programmen in dem offiziellen “App-Store” gehören immerhin wichtige Applikationen wir Firefox, Thunderbird, VSCode (und auch Codium!) und Xournal, aber mittlerweile auch einige Multimedia-Applikationen für den Konsum und das Erstellen von audio-/visuellen Erzeugnissen, z.B. Kodi, VLC, OpenShot, Gimp, Krita. Persönlich ist das für mich aber nicht so wichtig, da man die Applikationen auch per apt installieren kann. Neue XDG-Einträge werden direkt auf dem Hauptbildschirm als Icons dargestellt.

Einige Kateogrin sind dann doch noch leer im offiziellen App-Katalog

Grafiktreiber und andere Probleme

Was mich aktuell noch von einer tatsächlichen Empfehlung abhält, ist vor allem die leidige Geschichte mit den Grafiktreibern. Aktuell wird in Software gerendert, was sich z.B. beim Scrollen von Webseiten und hochaufgelösten Videos bemerkbar macht: Wenn sich große Teile des Bildschirminhaltes ändern, ist es einfach nicht so richtig fluffig. Dass es trotz hoher Auflösung nicht extrem schlimm ist, zeigt mir, dass die CPU doch insgesamt recht potent ist und einiges abfedern kann. Aber dennoch ist es kein typisches Tablet-Gefühl, wenn man sich mit Wischen durch das Web bewegt und die Darstellung ruckelt. In dem aktuellen Zustand ist an 3D-Spiele auch überhaupt nicht zu denken.

Beispielsweise SuperTuxKart ist mit minimalen Details bei 1024×768 Pixel mit ca. 7fps überhaupt nicht spielbar. Ich hatte gehofft, dass das erste größere Update (v1.1 vom 06.11.) dieses Problem lösen würde, dem ist aber leider nicht so. Ob und wann hier nachgebessert werden kann, ist unklar. Mein Eindruck war, dass gerade dieser alte eingesetzte Linux-Kernel die Kompatibilität zu Treibern aus dem Android-Ökosystem ermöglichen soll. Und obwohl bereits Wayland eingesetzt wird und das Gerät über Lagesensoren verfügt, ist die Ansicht auf die Landscape-Variante fixiert. Die Möglichkeit den Bildschirm, im Hochkant-Modus zu nutzen, soll nachgereicht werden.

Und da sind wir bei dem aktuellen Zustand: Das Betriebssystem ist einfach noch nicht fertig. Die zuletzt kommunizierte Roadmap geht noch bis zum Ende März 2022. Ich denke mit Verzögerungen muss aber wie bei vielen Projekten gerechnet werden. Obwohl zuletzt die Software-Versprechen bisher meist pünktlich eingehalten wurden. Lediglich die Hardware hatte zwischen ursprünglicher Ankündigung und tatsächlicher Lieferung zwei Monate Verzug – aber das muss man ja in der aktuellen Zeit ja fast schon als pünktlich bewerten 😉

Und dann möchte ich noch einen Punkt nicht unerwähnt lassen: Der zumindest aus meiner westlich geprägten Sicht unorthodoxe Weg der Kommunikation für so ein Projekt. Der Punkt ist hierbei nicht, dass zu wenig kommuniziert wird, sondern dass mehrere Kanäle gleichzeitig bedient werden, – und zwar in alle Richtungen. Es wird fleißig auf Discord, Telegram und im eigenen Discourse-Forum diskutiert und Neuigkeiten geteilt – manche Infos (von Mitarbeitenden!) erreichen die eine Plattform, manche nur eine andere Plattform. Und viel schlimmer: Bisher wurde noch keine zentrale Stelle für Issues gefunden. Im Beta-Programm hieß es, es gibt eine Telegram-Gruppe (warum auch immer) in die man einfach Dinge reinschreiben kann und einen Discord-Server für JingOS.

Letzterer hat immerhin thematische Kanäle, z.B. für Bugreports. Aber so richtig nachhaltig ist das ganze natürlich auch nicht – zumal man sich erst einloggen muss und dann einen endlosen Nachrichtenfeed durchscrollen müsste, um zu schauen, ob das gefundene Problem bereits bekannt ist. Und gerade für so ein Open-Source-nahes Projekt wirken die gewählten Wege unüblich. Aktuell scheint es aber für Bug-Reporting endlich in Richtung öffentlich zugänglicher GitHub-Issues zu gehen … das sollte dann den organisatorischen Aufwand auf beiden Seiten im Umgang mit Fehlerberichten und Nutzerwünschen reduzieren.

Fazit & Ausblick: Ein Multimedia-Tablet mit GNU/Linux ist greifbar nah!

Seit dem gescheiterten Versuch von Jolla,ein Tablet auf den Markt zu bringen in 2015/2016 ist mir keine ernstgemeinte Unternehmung bekannt, ein (kommerzielles) Linux-Tablet für Endverbraucher auf den Markt zu bringen. Die Leute hinter JingLing haben hier ein beachtliches Werk vollbracht. Für einige Anwendungszwecke scheint mir das Tablet bereits jetzt alltagstauglich. Um mit den ganz Großen mitzuspielen und dem Anspruch ein waschechtes Multimedia-Tablet zu sein, fehlt es neben der Grafikbeschleunigung noch an Feinschliff an vielen Ecken und Kanten. Auch unklar ist die Positionierung der Firma und welche Anwendergruppen und Regionen sie langfristig bedienen wollen.

Die potente Hardware in Kombination mit einer echten GNU/Linux Umgebung sind meiner Ansicht nach allerdings aktuell einzigartig. Ich wünsche der Firma und Community, dass die letzten großen Hürden genommen werden und das Ökosystem wächst. In den nächsten Wochen und Monaten soll ein offizieller Support für Android-Apps Einzug erhalten, neben weiteren kleinen Details wie beispielsweise den Support für den Fingerprint-Reader im Powerbutton. Es bleibt spannend.

Bei Fragen zum Tablet oder Anmerkungen könnt ihr mich gern per Mail kontaktieren: franz (at) znarfsoft (punkt) de

Resourcen: jingpad.com | Twitter | Reddit | Discord

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