Philosophie und Ethik des GNOME Desktop

Ethos von GNOME

Langjährige Linux-Anwender werden sich an den um die Jahrtausendwende geprägten Begriff Desktop Wars noch erinnern. Dabei ging es darum, ob KDE und GNOME die dominante Desktop-Umgebung sein würde. GNOME gewann dabei zunächst die Oberhand, was aber hauptsächlich an den damaligen Lizenzproblemen bei KDE lag. Beide Desktops unterliegen unterschiedlichen Entwicklungs- und Design-Paradigmen und haben sich demzufolge seither zum Teil diametral auseinanderentwickelt.

Der letzte Entwicklungsschritt bei GNOME trat mit GNOME 40 ein und brachte ein neues Bedienschema, dass die generelle Ausrichtung von vertikal zu horizontal verlagert. Der bei Purism beschäftigte Software-Designer Tobias Bernard hat in einer Serie aus bisher vier Blog-Artikeln erklärt, wie GNOME aus seiner Sicht funktioniert, wie Dinge im Projekt erledigt werden und welches Ethos, dahintersteckt. Um dieses Ethos geht es im vierten Teil der Serie, sowohl in Bezug auf die übergeordneten Werte als auch darauf, was diese in praktischer Hinsicht bedeuten.

Der traditionelle Desktop ist tot

Bernard behauptet, der traditionelle Desktop sei tot und komme auch nicht wieder. Anstatt zu versuchen, alte Konzepte wie Menüleisten oder Status-Icons zurückzubringen solle man nach neuen Wegen suchen. Erweiterungen der GNOME Shell seien nur eine Nische, es sei besser, entweder Apps zu kreieren oder gleich die GNOME Shell zu verbessern. Auch systemweites Theming ist laut Bernard ein kaputtes Konzept. Zudem sei Flatpak die Zukunft für die Auslieferung von Apps. Was den Stellenwert der Erweiterungen angeht, so sind viele GNOME-Anwender da anderer Ansicht. Für viele ist GNOME ohne Erweiterungen schlicht unbenutzbar. Wenn Bernard verlangt, doch gleich die Shell zu verbessern, stellt sich mir die Frage, warum die Entwickler jahrelang Funktionalität aus der Shell entfernt haben.

Einsame Entscheidungen

Als Beispiel sei die mit GNOME 3.28 vorgenommene Entfernung von Desktop-Icons erwähnt. Der Code zur Darstellung von Icons auf dem Desktop war im Dateimanager Nautilus verankert. Dass er dort eigentlich nichts zu suchen hat, leuchtet ein. Dass man den Code dann aber ersatzlos gestrichen hat, anstatt ihn an der richtigen Stelle zu implementieren, erzürnte viele Anwender. Seither sind sie darauf angewiesen, Icons über die Erweiterung GNOME Tweak Tool zu realisieren. Aber wie war das noch? Erweiterungen werden immer eine Nische bleiben…

Je weniger Optionen, desto besser!?

Eine weitere These, die bereits 2002 in einem Essay aus dem GNOME-Umfeld diskutiert wurde. besagt, dass jede Einstellungsoption ihren Preis hat und dass der exponentiell steigt, je mehr Optionen man dem Anwender bietet. Daher vermeide GNOME solche Präferenzen so weit wie möglich und konzentriere sich stattdessen darauf, die zugrunde liegenden Probleme zu beheben. Das Problem mit dieser Aussage ist meiner Meinung nach, dass man die Daseinsberechtigung von Optionen nicht einfach als Problem beheben kann, da man damit alle Anwender über einen Kamm schert. Wobei wir wieder bei dem unterschiedlichen Selbstverständnis von KDE und GNOME sind. Trotzt der aus meiner Sicht vielen Ungereimtheiten ist die Serie von Bernard eine gute Lektüre zum Verständnis, wie GNOME tickt.

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