Erfahrungsberichte: Reise zu Linux von Spike_DE

Photo by Cornelius Ventures on Unsplash

Mein erster – wenn auch damals noch kurzer – Kontakt mit Linux fand bereits im Jahr 1992 statt. Ich arbeitete zu der Zeit fest angestellt in einer ES°COM-Filiale (war eine Vobis-Alternative) und wir hatten einige Studenten als Hilfskräfte eingestellt. Während wir in der freien Zeit mit BNC-Netzwerken (10-Base2) versuchten Duke-Nukem als eines der ersten Multiplayer-Spiele zum Laufen zu bekommen, erzählte ein Physik-Student etwas von ungeschirmten Telefondrähten zur Netzwerkübertragung. Ganz klar: völlig absurd. Und er hatte eine Diskette dabei, auf der ein neuartiges Betriebssystem sei: Linux. Auf unsere Frage, was man denn damit machen könne, antwortete er: “nix, das ist nur zum Entwickeln und rumprobieren”. Selbst getestet habe ich Linux damals noch nicht.

Als ich dann 1997 beruflich in die Administration eines Unternehmens wechselte und dort unter anderem 7 Novell-Netware-Server betreute, war das Leben eines Admins noch anders. Wenn keiner anrief und “alle Lampen grün leuchteten” (das war lt. meinem ersten Chef in dem Unternehmen meine Aufgabe: Dafür zu sorgen, dass alle Lampen grün leuchten und wenn nicht, die Support-Firma anzurufen.”), hatte man tatsächlich nichts zu tun und Zeit zum Ausprobieren.

Um auch einen eigenen Novell-Server für die EDV zu haben, stand uns weder Geld zur Verfügung, noch bestand streng genommen die Notwendigkeit. Aber mein Interesse wurde geweckt, als ich in einer Computerzeitschrift etwas über einen “Mars-Server” las. Unter Linux könne dieser einen Novell-Server emulieren. Das war ja mal interessant, also wurde flugs ein S.u.S.E. Linux 5.1 gekauft. Damals noch mit 500-seitigem Handbuch, dass mir solide die Grundlagen vermittelte. Der Mars-Server lief schnell zuverlässig und rasch hatten wir mehr Linux-Server als Novell-Server. Aber auf den IBM-Rackservern gab es Probleme mit den Intel-Netzwerkkarten und so kontaktierte ich per eMail einen Donald Becker, dessen Adresse ich irgendwo in der Doku oder dem Quellcode fand. Damals war mir nicht bewusst, wer das war und das Donald persönlich die Ethernet-Driver für Linux geschrieben hatte. Nicht weiter verwunderlich, dass der von ihm bereitgestellte Patch das Problem mit den Intel-Netzwerkkarten der IBM-Server behob.

Die Linux-Welt stellte uns damals vor einige neue Herausforderungen, denn S.u.S.E. wäre nicht S.u.S.E., wenn die ein- oder andere Konfiguration nicht “speziell” wäre. Nach einem größeren Ärgernis mit einer Datenbank und bestimmten Kernel-Parametern wechselte ich daher für die Server von S.u.S.E. auf Debian (stable), was noch heute auf unseren eigenen Linux-Servern der Standard ist. Doch auch Ubuntu, S.u.S.E. und RedHat kommen vereinzelt noch zum Einsatz.

Damals entschloss ich mich auch, meinen Arbeitsplatz von Windows auf Linux umzustellen, was ich bis heute beibehalten habe und nie bereute. Aktuell kommt dabei geschäftlich ein Ubuntu Desktop 20.04 LTS zum Einsatz. Nicht ohne gelegentliche Scharmützel mit der von mir in den letzten 24 Jahren aufgebauten IT-Abteilung, die mittlerweile 15 Mann zählt.
Fernab der Server auf den Desktops und Notebooks war Debian jedoch einfach zu träge, was aktuelle Treiber und Büroanwendungen anging. Und gar magisch wirkte eine Boot-CD, die ohne externe Treiber bei (fast) allen handelsüblichen PCs und Notebooks direkt in den grafischen Desktop booten konnte: Knoppix war ein wahrer Meilenstein für die Verbreitung von Linux. Kanotix ging noch einen Schritt weiter (war sinnvoll installierbar) und wir setzten eine individualisierte Variante davon in unserem Internet-Café ein. Einige Probleme löste Jörg Schirottke dabei persönlich für uns. Ich erinnere mich noch, wie schwer es mir fiel ihn endlich mal ans Telefon zu bekommen. Er wollte einfach nur Mailen und Chatten, aber schlussendlich habe ich ihn irgendwann einmal dran bekommen und wir konnten unsere Themen auch “live” am Telefon besprechen.

In diesem Zusammenhang entstand dann auch 2006 der erste Kontakt zu Ferdinand “Devil” Thommes, den ich zwar selten Live sehe aber um so mehr schätze. Ferdi erzählte mir damals von einem Kanotix-Patch. sidux (bzw. seine Erben) sind seit damals mein persönlicher Standard und auf all meinen privaten Geräten. Und wie es kommen wollte, fand ich mich kurze Zeit später auf einem sidux-Stand wieder und versuchte als Mit-Stand-Betreuer die Gäste der Augsburger-Linux-Tage gemeinsam mit einigen sidux-Veteranen von der “Hot & Spicy Rolling-Release-Distribution” zu überzeugen.

Auch gelang es mir, einigen Neueinsteigern in dem noch heute (als siduction) verfügbaren IRC-Chat bei Anfängerproblemen zu helfen, was mir sehr viel Freude bereitete. Nachdem ich einmal mehrere Stunden mit einem Deutschen im IRC auf Englisch konversierte, hing ich “_DE” an meinen Nickname an, wo es noch heute steht. Im März 2011, mittlerweile unter dem Namen aptosid, betreute ich gar alleine einen Stand auf den Augsburger Linux-Tagen. Auf aptosid folgte siduction, dem ich bis heute treu geblieben bin und das ich ebenfalls immer wieder gerne in Augsburg auf dem Stand vertrete. Kommt uns doch beim nächsten Mal besuchen!
Mein Dank gilt allen Entwicklern und Supportern dieser tollen (für mich besten) Distribution. Oft habe ich Ubuntu, Debian, Mint etc. & Co. ausprobiert, doch keine Distro lief so stabil und hatte einen so guten Support wie siduction.

4.4 9 votes
Article Rating

Verwandte Themen

4.4 9 votes
Article Rating
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
13 Comments
Oldest
Newest Most Voted
Inline Feedbacks
View all comments