LiMux

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Wie zu erwarten war, hat der zuständige Verwaltungsausschuss im Stadtrat der bayrischen Landeshauptstadt München auf seiner Sitzung in dieser Woche das Ende von LiMux bestätigt. Der Antrag des Stadtrats (PDF) vom Februar 2017 unter Federführung von Oberbürgermeister Dieter Reiter  (SPD) und dessen Vize Josef Schmid (CSU) wurde beschlossen. Damit wird das einstige Vorzeigeprojekt abgewickelt und bis 2020 ein einheitlicher Windows-Client auf der Basis von Windows 10 erstellt, der künftig auf allen Rechnern der Verwaltung laufen soll. Dieser Client soll bis 2022 auf den Rechnern ausgerollt sein.

Die Kosten bleiben unter Verschluss

Die geschätzten Kosten für die Migration bleiben zum jetzigen Zeitpunkt geheim. Dafür werden vergabetechnische Gründe angeführt. Lediglich die Erstellung des Windows-Clients wird mit rund 2.14 Millionen Euro beziffert. Darüber hinaus fallen unter anderem aber Kosten für die Migration selbst, für migrationsbedingte Arbeitsausfälle, für neue Hardware und jährliche Lizenzkosten für die Microsoft-Produkte an.

Bereits seit seiner Wahl 2014 betreibt OB Reiter, ein ausgewiesener Microsoft-Freund, die Rückmigration weg von Linux und zurück zu Windows. Mit teils fadenscheinigen und oft weit entfernt von jeglichem Sachverstand angesiedelten Argumenten wurde LiMux systematisch madig gemacht. Dabei waren die Gründe für die Probleme meist in der Infrastruktur der IT-Landschaft der Stadt angesiedelt, in der drei Abteilungen Entscheidungen zur IT treffen.

Ballmer abgeblitzt

Begonnen hatte alles im Jahr 2000, als in vielen deutschen Verwaltungen klar wurde, dass Windows NT 4.0 2004 am Ende der offiziellen Unterstützung durch Microsoft ankommen würde. In München wurden Überlegungen angestellt, ob man nicht mit Linux in der Verwaltung eine Menge Geld sparen könnte. Schätzungen bezifferten die möglichen Einsparungen auf 20 Millionen Euro. Eine von Microsoft bei HP in Auftrag gegebene Studie kam dagegen zu dem Ergebnis, der Umstieg auf Linux würde 43 Millionen Euro Mehrkosten verursachen. Microsoft-CEO Steve Ballmer stattete dem Bürgermeister extra einen Besuch ab und versuchte, die Entscheidung für eine Open-Source-Lösung noch abzuwenden. Er bot einen Preisnachlass von 35 Prozent auf ein Paket mit einem Umfang von 36,6 Millionen US-Dollar. Vergebens. Das »Krebsgeschwür«, als das Ballmer Linux bezeichnete, war nicht aufzuhalten.

Mehr Freiheit – weniger Kosten

So beschloss im Juli 2004 der Stadtrat unter dem damaligen Bürgermeister Christian Ude die Migration der Arbeitsplatz-Rechner auf Open-Source-Software. Nicht nur sollte Geld gespart werden, auch die Herstellerunabhängigkeit spielte bei der Entscheidung eine Rolle. Nachdem Ballmer sein Pulver fruchtlos verschossen hatte, wurde die Patentkeule gezückt. Verunsicherung über das soeben geschlossene Projekt LiMux kam auf, als eine Studie des Unternehmens Open Risk Management rund 300 mögliche Patentverletzungen im Linux-Kernel gefunden haben wollte. Kaum verwunderlich ist, dass einige der angeblich verletzten Patente Microsoft gehörten.

Ein in Auftrag gegebenes Gutachten eines Rechtsanwalts gab dann Entwarnung.  Das Gutachten schätzte die Gefahren, in einen Patentstreit verwickelt zu werden als gering ein. Daraufhin wurde 2005 die Entwicklung eines eigenen Linux-Client auf der Basis von Debian mit KDE als Desktop-Oberfläche angeschoben. Zusätzlich wurde für OpenOffice das Vorlagensystem Wollmux erarbeitet. In den folgenden zwei Jahren wurden über 10,000 Rechner mit OpenOffice ausgestattet, über tausend weitere Rechner erhielten gleich LiMux, wie der Linux-Client getauft wurde.

Vom TÜV zertifiziert

Im Mai 2007 nahm die Bürgermeisterin Christine Strobl (SPD) für das IT-Projekt LiMux-Client vom TÜViT das Zertifikat »Gebrauchstauglicher Basisclient« entgegen. Damit war der LiMux-Client weltweit der erste auf Linux basierende Arbeitsplatz, dessen Benutzerfreundlichkeit durch die TÜV-Zertifizierung zur Gebrauchstauglicheit bestätigt wurde. Darin hieß es: »Entscheidend für diese Einschätzung war, dass mit der neu gestalteten und auf KDE 3 basierenden Oberfläche und den enthaltenen Zusatzprogrammen (u.a. OpenOffice.org, Firefox, Thunderbird, Oracle Calendar) eine effektive, effiziente und zufriedenstellende Arbeit für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Stadtverwaltung möglich ist, wie in einer umfangreichen Prüfung nachgewiesen wurde

Einsparungen in Millionenhöhe

Bereits 2012 wies eine veröffentlichte Vergleichsrechnung eine Einsparung von mehr als 10 Mio. Euro gegenüber einer vergleichbaren Microsoft-Lösung aus. Im Dezember 2013 ging LiMux in den Regelbetrieb über. Insgesamt waren in 10 Jahren mehr als 12.000 Arbeitsplätze auf LiMux und OpenOffice umgestellt worden. Technisch wurde die automatisierte Installation auf multiplen Rechnern mit dem Softwareverteilungswerkzeug FAI des Debian-Entwicklers Thomas Lange umgesetzt während die Verwaltung dem webbasierten Administrationswerkzeug GoSa2 oblag.

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Alle Kommentare
  • Thoys

    10.11.2017, 00:13 Uhr

    Jetzt können sie wenigstens ganz viel Geld für Microsoft und den Support ausgeben, um hinterher zu sagen “schau, es läuft besser”.

    Mainstream siegt über Hirn. Schade, dass keinerlei öffentliches Interesse München in der Art unterstützt hat, dass sie es weitertragen und finanzieren hätten können.

  • Jürgen

    10.11.2017, 08:30 Uhr

    Sehr schön zusammengefasst – toll zu lesen!

    Was da abgelaufen ist, ist das totale Kasperltheater in Amigo-Land. Die Spezl-Wirtschaft in Bayern wird niemals aufhören.

    Mir fällt da immer Gerhard Polt ein: “In Bayern brauchen wir keine Opposition, weil wir sind ja schon eine Demokratie!”

    • Ferdinand Thommes

      10.11.2017, 09:46 Uhr

      Danke für die freundliche Verlinkung auf deinem Blog.

  • Linuxkumpel

    10.11.2017, 10:45 Uhr

    Wir sehen, was passiert, wenn die alleswissende Politik eingreift, die von nichts eine Ahnung hat und trotzdem überall mitredet. Es ist leider so, dass in den deutschen Verwaltungen bestimmte Anwendungen nur mit einem einzigen Betriebssystem laufen. Schuld daran sind oft Vorgaben von Bund und Ländern und die kennen nur Microsoft. Was die Benutzerrechte betrifft, das kenne ich aus meiner ehemaligen Behörde zur Genüge. Es fehlt in den Führungsetagen öffentlicher Verwaltungen, wie auch in den gewählten Vertretungen oftmals das Verständnis für IT-Sicherheit, Datensicherheit, Datenschutz und Informationssicherheit. Unter dem Deckmantel der Transparenz werden oft die Schutzziele der Daten-, Informations- und IT-Sicherheit mit Füßen getreten. LiMux bot eine einmalige Chance, leider vertan. Dem Artikel ist nichts hinzuzufügen

  • Svenja

    10.11.2017, 12:59 Uhr

    Kleiner Typo:

    „…dass Windows NT 4.0 2013 am Ende…“

    Du meinst wahrscheinlich 2003, wobei bei WinHistory folgendes bezüglich Supportende steht:

    Ende Support (Endkunden): 30.06.2002
    Ende Support (Firmen): 30.06.2004

    http://www.winhistory.de/more/nt4.htm

  • tuxnix

    10.11.2017, 20:29 Uhr

    Das die zukünftigen Kosten vor dem Parlament geheim gehalten werden gibt Aufschluß über den Zustand von Demokratie. Dass man ein obsures BS der Selbstverwaltung vorzieht wundert da nicht. Selbst im dunkelsten Mittelalter hätte eine stolze Stadt selbstbewusster entschieden.

    • Ferdinand Thommes

      10.11.2017, 20:37 Uhr

      Wenn wir erst mal ne Demokratie haben… 🙂

  • meldrian

    meldrian

    12.11.2017, 16:36 Uhr

    “Wie bastel ich mir ein Millionengrab, Lektion 1”
    https://t.co/f5dUv2pnNE
    #limux #München

  • ((λ()

    ((λ()'Dr.ArneBab))

    15.11.2017, 11:07 Uhr

    LiMux – Ende eines Vorzeigeprojekts https://t.co/F9ARYEWzZo