(Un)freie Software ist auch (k)eine Alternative

(Un)freie Software ist auch (k)eine Alternative
Photo by Pieter van Noorden on Unsplash

Neben aktuellen News und längeren Artikeln gibt es auf diesem Blog gelegentlich auch Meinungsbeiträge. In diesem hier geht es um freie und unfreie Software mitsamt ihren Grenzen und Problemen. Kommentare und Anmerkungen zu eigenen Erfahrungen sind willkommen.

Mit freier Software ist es wie mit dem Vegetarismus. Es spricht vieles dafür, dieser Lebensweise zu folgen. Manchmal ist es aber erstaunlich schwierig, dem Steak zu widerstehen, wenn man sonst nur Beilagen zur Auswahl hat.

Wenn freie Software keine Alternative ist

Es gibt Momente, in denen freie Software keine Alternative ist. Diese sind zwar deutlich seltener als gemeinhin angenommen, zumindest zwei Szenarien fallen mir allerdings ein: Zum einen, wenn ein Gerät ohne freie Software gar nicht läuft. So sehr ich auch auf freie Software setzen möchte: Damit allein läuft mein Drucker nicht.

Zum Zweiten gibt es Situationen, wo man beruflich, schulisch oder universitär Software vorgesetzt bekommt, die unfrei ist. Da hilft kein Jammern: Wenn die Videokonferenz aus dem Hause Cisco stammt, kann man nur darüber teilnehmen. Will man sich dann auch noch selbst beteiligen, so ist man auch angeraten, den (unfreien) Client zu installieren. Gibt es den wenigsten für Linuxdistributionen? Natürlich nicht.

Das sind Momente, wo man sich die Frage, ob die freien Alternativen wie Jitsi oder BigBlueButton nicht auch taugen, gleich sparen kann. Man ist eh nicht in der Entscheidungsposition.

Wenn freie Software die Alternative ist

Allerdings hört hier die Grenze allerdings auch schon auf: Ab jetzt ist man immer in der Entscheidungsposition. Und da macht es dann auch Sinn, sich mit freier Software zu beschäftigen. Diese wird übrigens als solche bezeichnet, wenn sie über folgende vier wesentliche Freiheiten verfügt:

  • Die Freiheit, das Programm auszuführen wie man möchte, für jeden Zweck (Freiheit 0).
  • Die Freiheit, die Funktionsweise des Programms zu untersuchen und eigenen Datenverarbeitungbedürfnissen anzupassen (Freiheit 1). Der Zugang zum Quellcode ist dafür Voraussetzung.
  • Die Freiheit, das Programm zu redistribuieren und damit Mitmenschen zu helfen (Freiheit 2).
  • Die Freiheit, das Programm zu verbessern und diese Verbesserungen der Öffentlichkeit freizugeben, damit die gesamte Gesellschaft davon profitiert (Freiheit 3). Der Zugang zum Quellcode ist dafür Voraussetzung.

Schon beim Durchlesen dieser Definitionen leuchtet den meisten ein, dass es durchaus Sinn macht, sich an erster Stelle im Entscheidungsprozess auch immer mit freier Software zu beschäftigen. Und diese gibt es eben auch für fast jeden Zweck.

Wenn unfreie Software die Alternative ist

Nur manchmal lachen die unfreien Alternativen den Nutzer an. Besonders gerne, wenn sie vorinstalliert sind. Oder aber als Marktstandard gelten. Da stellt sich dann doch die Fragen, wie man damit umgehen möchte. Mitunter erinnern Diskussionen zwischen Verfechtern freier Software und jenen Nutzern, die proprietäre Programme nutzen, an jene, die Vegetarier und Fleisch-Esser führen: Der Nutzer freier Software sieht alle entscheidenden Argumente (zumindest die ethischen) auf seiner Seite und versucht, den anderen davon zu überzeugen.

Aber wie viele Fleischesser wurden bislang durch eine Diskussion mit Vegetariern zum Vegetarismus bekehrt? Zumal bei einer Diskussion über Freiheit auch hinzukommt, dass der Nutzer Entscheidungsfreiheit besitzt. Er darf sich auch gegen freie Software entscheiden. Auch wenn die Entscheidung nicht unbedingt clever ist. Mitunter bietet sich dann allerdings die Chance, zumindest auf einen freien Standard zu setzen.

Wenn unfreie Software keine Alternative ist

Manchmal zeigt sich allerdings auch im Nachhinein für den Nutzer selbst, dass unfreie Software auch keine Lösung ist. Dazu eine Anekdote: Zu Beginn des Jahres kaufte ich mir (gebraucht) ein älteres iPhone. Und das durchaus als Verfechter freier Software. Trotzdem war die Entscheidung bewusst: Ein vier Jahre altes Smartphone, das noch immer mit aktueller Software versorgt wird, ein gutes Energiemanagement verfügt und durchaus sicher ist. Alles Dinge, die die Konkurrenz auf dem Markt der mobilen Endgeräte nicht erfüllt. Mir war bewusst, dass ich mich dabei auch für ein Ökosystem entscheide. Heutzutage sind die Smartphones ja sehr unabhängig von anderen technischen Geräten, was sollte da schon schief gehen.

Nun, einen ersten Makel erlebte ich früh. Schon beim Versuch, meine Musiksammlung auf das Smartphone zu übertragen, musste ich feststellen: Das geht ohne iTunes schlichtweg nicht. iTunes ist natürlich keine freie Software und läuft unter Linux nicht. Dafür muss man sich eine virtuelle Maschine basteln, die für die Nutzung eines USB-Ports auch wieder ohne freie Software auskommen muss. Da wird dann Windows installiert, danach iTunes und dann darf man sich um seine Musiksammlung kümmern. Das mag heutzutage nur noch wenige Menschen stören, wenn jeder seine Musik streamt. Wer allerdings Musikstreaming ablehnt oder mit der Musik einschlägiger Streamingdienste unzufrieden ist, der muss basteln.

Trubleshooting XXL

Aber einige Monate später kam es noch schlimmer: Eines der hochgelobten Upgrades für iOS lief schief. Nichts ging mehr, das Geräte zeigte mir an, dass ich es an einen Computer anschließen sollte. Das soll auch nicht das Problem sein, allerdings ist mit PC heutzutage wohl ein Mac oder ein Windows-Computer mit iTunes gemeint. Eine virtuelle Maschine hingegen funktioniert nicht. Der Restore-Modus des iPhone lässt sich nicht als USB-Geräte an die virtuelle Maschine weitergeben, zumindest bei den bekanntesten drei Programmen für virtuelle Maschinen.

Hat man kein Mac oder Windows in seinem Haushalt nativ, muss man sich eben eines zulegen. In der Reserve befand sich noch einen bootfähigen Windowsstick. Dieser hat auch mal funktioniert, wollte aber just in diesem Moment nicht: „Medientreiber“ fehlen. Dasselbe gilt dann auch für jeden der weiteren erstellen bootfähigen Sticks und auch kein erdenklicher Treiber des Planeten lässt mich die Installation starten. Nächster Versuch: Es soll eine DVD gebrannt werden, der alte klassische Weg. Allerdings funktioniert natürlich auch dies nicht einfach so.

Obwohl Windows nach einer Installation eh noch massig Updates runterlädt, ist das Installationsimage über 5 Gigabyte groß. Auf eine Standard-DVD passen allerdings nur 4,7 GB. Ich halte wenig davon, Menschen über das Internet die Kompetenz abzusprechen, schließlich könnte man das bei mir auch wunderbar machen. Allerdings bin ich dicht davor, für die Mitarbeiter aus dem Hause Microsoft, die das Installationsimage für Windows erstellen, eine Ausnahme zu machen. Zu groß für eine normale DVD, zu klein für den „Medientreiber“? Immerhin, im vergangenen Jahr konnte man aus einem USB-Stick auch nicht ohne Weiteres einen Windows 10 Stick machen, weil eine Einzeldatei des Images zu groß für das Dateisystem war, welches zur Windowsinstallation benötigt wird.

Also erst einmal eine DVD des Typs „Double-Layer“ besorgt, wenig später dann noch einen passenden Brenner (da sind wir wieder bei der Kompetenz, wer austeilt…). Dann also „schnell“ die DVD gebrannt, Windows installiert, Treiber und Updates heruntergeladen, iTunes installiert und iTunes mein iPhone retten lassen.

Fazit

Eigentlich haben die Nutzer freier Software alle Argumente auf ihrer Seite. Allerdings stoßen sie doch gelegentlich auf Grenzen. Diese sind zwar deutlich geringer als gemeinhin angenommen und spielen sich häufig eher im Kopf ab. Probleme hat man auch mit unfreier Software. Mich hat die Erkenntnis, dass freie Software und freie Standards viel wert sind, fast einen ganzen Tag an Troubleshooting gekostet. Keine freie Software ist halt auch keine Alternative. Vielleicht finde ich ja noch eine für die mobile Welt.

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