Wayland – reif für den Produktiveinsatz?

Wayland
Bild: The Wayland Display Server Logo | Quelle: Kristian Høgsberg

Ein Erfahrungsbericht von Peter L. Steger

Minix war 1995 mein Einstieg in die Unix-Welt und 1999 bin ich privat vollständig von DOS/Windows auf Linux mit X11 umgestiegen. Seit 2014 benutze ich Linux auch beruflich als Hauptbetriebssystem und Windows nur noch für die proprietäre Software meines Geräteparks.

Im August 2020 habe ich mir zu meinem Microsoft Surface Pro-4 einen 32-Zoll UHD Monitor geleistet und mich auf eine deutliche Verbesserung meines täglichen Arbeitsumfeldes gefreut – die Augen werden auch nicht besser und das Display vom Surface ist super in der Auflösung, aber doch recht klein. Die Erwartungen an das Gesamtsystem mit dem neuen Monitor waren hoch.

Mein bisheriges Arbeitsumfeld mit Manjaro und KDE 5.19.5 lief unter X11. Damit war für alle drei Monitore nur eine einheitliche Skalierung möglich. Im Klartext hieß 100% perfektes Bild auf dem neuen UHD und dem alten FullHD Schirm, dafür unleserlich klein auf dem Surface. Oder lesbar auf dem Surface und dafür verschwendete Auflösung auf den anderen beiden Schirmen – so schlecht sehe ich nun auch wieder nicht.

Wayland kann das“, sagt das Netz

Die Lösung war schnell gefunden: Wayland, der neue Standard für die grafische Oberfläche – so stand es in zahlreichen Beiträgen im großen weiten Web. Diese sollte neben höherer Sicherheit auch mehr Performance und vor allem freie Skalierbarkeit je Monitor bieten.

Super – schnell die Wayland-Session dazu installiert und – das Chaos begann. Als erstes streikte gleich einmal Libreoffice, welches unter Wayland keine Menüleiste mehr anzeigte. Copy und Paste funktionierte nicht mehr, ebenso wenig Screenshots. Auch andere Programme verhielten sich sehr zweifelhaft und Systemabstürze stellten sich stündlich ein.

Als leidenschaftlicher Experimentierer (schließlich bin ich Chemiker) war das eine Herausforderung, der ich mich gerne stellte. So installierte ich mehrere Distributionen und schließlich auch unterschiedliche Desktop Environments auf einer eigenen Partition (keine VMs). Immer auf der Suche nach einer für den Produktiveinsatz stabilen Variante mit Wayland, die mir auch den gewohnten Komfort bot.

Erkenntnisse harter Arbeit

Nach einem knappen Monat muss ich ernüchternd feststellen, dass es die viel zitierte „eierlegende Wollmilchsau“ noch immer nicht gibt. Ich bin jetzt (wieder) bei KDE neon mit Plasma 5.20.0 gelandet, weil ich mich mit den anderen Desktop Environments nicht anfreunden kann und ich hier noch die „stabilste Kombination“ installieren konnte. Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen stellte sich Manjaro plötzlich als äußerst widerspenstig heraus und auch Fedora, SUSE Tumbleweed und diverse Ubuntu Varianten boten mir nicht das, was ich wollte.

Mit „stabilster Kombination“ möchte ich sagen, dass man zwar damit arbeiten kann, sich allerdings mit einigen Problemen abfinden muss. Gleich nach dem Login (SDDM) zeigen sich auf den Bildschirmen Darstellungsfehler im Aufbau der Desktops – sieht fast so aus, als ob Wayland die Position mit den drei Schirmen so lange über mehrere Versuche festlegt, bis es passt. Bei den Systemeinstellungen fehlt das Sub-Menü für die Verwaltung der Schriftarten. Nicht benötigte deinstallieren oder neue hinzufügen geht unter Wayland auf diesem Weg nicht.

Problembereich Screenshots

Screenshots sind nach wie vor ein Problem. Spectacle bei KDE funktioniert als User sporadisch, zumindest für die Aufnahme aller Bildschirme oder desjenigen, auf dem man sich gerade befindet. Für einen rechteckigen Bereich lässt einen das System einen Rahmen aufziehen, übernimmt dann allerdings einen ganz anderen Bildschirmbereich. Meist startet es allerdings erst gar nicht (Speicherzugriffsfehler). Als Root (mittels sudo auf der Kommandozeile) startet Spectacle problemlos (nachdem man Root den Zugriff mit xhost +si:localuser:root erlaubt hat) und schaltet dann bei der Auswahl auf drei vollkommen schwarze Bildschirme um. Dort darf man auswählen und bekommt als Ergebnis auch ein schwarzes Bild. Auch Flameshot funktioniert unter Wayland nicht – es zeigt das Icon im Systray an und das war’s dann auch schon. Kurz und Gut – noch immer keine Screenshots unter Wayland.

Startet man GwenView und navigiert durch die Unterordner kommt es zu Darstellungsfehlern (die Icon/Ordner-Größe stimmt nicht und sie überlappen sich), welche sich durch manuelle Größenänderung reparieren lassen. Nervig ist auch, dass Wayland die räumliche Anordnung der Bildschirme von Zeit zu Zeit vergisst und ich diese wieder neu einrichten muss (insbesondere, wenn ich mein Surface aus der Docking-Station nehme und später wieder in diese zurückbringe).

Copy & Paste Lotterie

Was mich jedoch am meisten stört, sind noch immer auftretende Abstürze der Plasma-Shell und das nur sporadische Funktionieren der Copy & Paste Funktion. Es ist wirklich lästig, wenn man Textschnipsel von einem Dokument in ein anderes übernehmen will und Wayland offensichtlich im Hintergrund würfelt, ob es die Information übernehmen soll oder nicht. Die Abstürze der Plasma-Shell fallen erst auf, wenn man ein Element aus der Kontrollleiste braucht und dieses nicht reagiert. Die stehen gebliebene Uhr zeigt dann an, wann die Shell abgeschmiert ist. Leider bin ich bis dato trotz Syslog noch nicht auf einen verbindlichen Anhaltspunkt gestoßen, woran es liegen kann. Dieses Problem habe ich auf zwei Varianten umschifft: einmal mit einem forschen killall plasmashell ; plasmashell & als Tastaturkürzel zum Wiederbeleben und zum anderen das Starten einer Debug-Shell mit sudo gdb -pid `pidof plasmashell`. Letzteres vermeidet die Abstürze, liefert dann aber leider keine Hinweise mehr.

Langer Rede kurzer Sinn

Ich habe die (schmerzliche) Erfahrung gemacht, dass sich Wayland und KDE offensichtlich nicht so vertragen, dass man von einem stabilen System für produktives Arbeiten sprechen kann. Ich bin mir bewusst, dass meine Konstellation (MS-Surface & Multi-Monitoring) durchaus herausfordernd ist, allerdings beherrscht X11 alles problemlos, bis auf die individuelle Skalierbarkeit.

In diesem Sinne verstehe ich die Schönrederei rund um Wayland nicht. Was nutzt es mir, wenn ein (inzwischen auch schon in die Jahre gekommenes) neues, moderneres und zukunftssicheres System, das seit 30 Jahren laufende X11 ersetzen soll, wenn es immer noch nicht stabil ist. Mehr Sicherheit, Performance und Skalierbarkeit sind schön, will ich haben – allerdings muss es funktionieren. Wenn so einfache Dinge wie Copy & Paste sowie Screenshots am Sicherheitssystem scheitern, lässt das bei mir die Alarmglocken klingeln – irgendetwas läuft hier nicht rund. Vielleicht ist das auch nur die Spitze vom viel zitierten Eisberg.

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