Thunderbirds Bruder: Betterbird

Heimlich still und leise wurde vor einigen Monaten ein sogenannter Soft-Fork des E-Mail-Clients Thunderbird namens Betterbird lanciert. Soft-Fork bedeutet, dass auf die Veröffentlichung des Originals jeweils eine in irgendeiner Form veränderte Version folgt. Verantwortlich für Betterbird zeichnet der ehemalige Thunderbird-Maintainer Jörg Knobloch, den ich zu seinem Projekt befragt habe.

  • Hallo Jörg, kannst Du bitte kurz skizzieren, wann Du bei Thunderbird eingestiegen bist, was Du in Diensten von Mozilla bei Thunderbird zu tun hattest und warum Du den Job heute nicht mehr machst?

E-Mail war schon immer mein Ding. Ich war von 1999 bis 2010 Outlook-Benutzer. 2010 wollte ich auf Linux umsteigen und fing mit Thunderbird an. Zunächst einmal musste der Outlook-Import repariert werden, damit ich 2 GB Mail importieren konnte. Bis 2014 lief dann alles ruhig, bis ich nach einem Crash in TB 24 auf TB 31 gegangen bin. Das hat mein Leben verändert.

TB 31 war grottenschlecht und nachdem ich einige Probleme auf Bugzilla gemeldet hatte, fing ich Anfang 2015 selbst mit den Reparaturen an. Ich habe so alles repariert, was mich nervte. Als dann TB von mehr und mehr Schnittstellen-Änderungen in der Mozilla-Basis bedroht war, sprang ich ein und arbeitete ab 2016 an der “Rettung”, ab Ende 2016 dann als erster Angestellter des Projekts, nachdem durch Spenden Geld in die Kasse gekommen war. Seit Anfang 2016 war ich übrigens auch Mitglied der gewählten Thunderbird Council. Ab 2017 kamen dann mehr und mehr Angestellte dazu, der Technische Direktor Mitte 2018.

Meine Aufgabe als Mitarbeiter war es, das Projekt durch Anpassungen an die Mozilla Schnittstellen-Änderung am Laufen zu halten, Änderungen anderer Entwickler in die Code-Basis einzubringen, dazu den Code für Beta und Release zu pflegen und Releases vorzubereiten. Ich habe TB 52, 60, 68 betreut. Als freiwillige unbezahlte Tätigkeit habe ich auch noch fast täglich alle neuen Fehlermeldungen gelesen, den Benutzer soweit es ging geholfen, Fehler an andere zur Bearbeitung verteilt oder selbst repariert. Zusammenfassend könnte man die Tätigkeit als die eines Maintainers beschreiben.

Mir lag die Qualität des Produktes immer sehr am Herzen, denn ich konnte als Nutzer den Ärger Anderer über Funktionen, die nicht oder nicht mehr funktionierten, nur zu gut verstehen. Dinge, die einmal funktioniert haben und dann nicht mehr funktionieren, heißen übrigens Regressionen. Leider ist Thunderbird weit von dem Motto “Keine Regressionen ausliefern” entfernt. So wird die Qualität des Produktes immer schlechter. Wurden für TB 68 noch ca. 40 Regressions-Fehler gemeldet, waren es für TB 78 schon 180 und für TB 91 sind es zurzeit 260. Sicher werden bei jeder neuen Version auch alte Fehler gemeldet, aber der Trend ist klar. Insgesamt hat Thunderbird übrigens (mit Stand August 2021) über 14.000 offene Bug-Tickets. Davon sind sicher viele in der Zwischenzeit anderweitig repariert worden oder sie waren oder sind nicht reproduzierbar oder sind nicht mehr relevant.

Ein QA-Team also solches existiert im TB-Projekt formell überhaupt nicht, obwohl natürlich gewisse QA-Aufgaben wahrgenommen werden. Und so kommt es immer wieder vor, dass ganz dumme Regressionen einfach durchrutschen, in TB 91.3.2 geht z.B. das Drucken des Kalenders nicht mehr. Ich habe mich als Mitglied des Thunderbird Council immer für die Einrichtung eines QA-Teams eingesetzt, was mach auch in den publizierten Protokollen nachlesen kann. Viele Leute und Firmen sind von TB abhängig, und es ist einfach unverantwortlich, denen ihre Workflows zu zerschießen, ohne einen Plan, das zeitnah wieder zu reparieren.

Insgesamt war ich ein unbequemer Kritiker des Thunderbird-Managements. Zum Verständnis muss erwähnt werden, dass das TB-Projekt mich von Ende November 2016 bis Mitte 2018 selbst bezahlte, danach wurde die Bezahlung von pEp Security übernommen, sozusagen als Spende an das Projekt. Als das TB-Projekt Anfang 2020 in die neu dafür gegründete kommerzielle MZLA-Firma eingegliedert wurde, wollte pEp die Finanzierung nicht mehr übernehmen, und da TB mittlerweile genug andere Mitarbeiter hatte, ließ man mich gehen. Ich arbeite seitdem direkt bei pEp Security. Im August 2020 wurde ich dann in einem politischen Coup kurz von der anstehenden Council-Wahl von der Thunderbird und Mozilla Community ausgeschlossen, und zwar aufgrund eines angeblichen und nicht weiter detaillierten Verstoßes gegen die dortigen Richtlinien. Material dazu ist im Internet publiziert.

  • Was waren Deine Beweggründe, mach Deinem Ausscheiden einen Fork von Thunderbird aufzulegen und was sind im Einzelnen die Ziele, die Du mit Betterbird erreichen möchtest?

Ich wollte eine Alternative anbieten, die besser funktioniert und wo Fehler soweit wie möglich schnell behoben werden. Natürlich kann unser Projekt nicht alle 14.000 Fehler beheben, aber Dinge, die an uns herangetragen werden, bearbeiten wir schnell. Unser Projekt erlaubt auch einen schnellen “turn around” und einen “latest build” Release. Wir bieten übrigens TB alle unsere Fixes und Verbesserungen an, soweit haben sie einige genommen, andere nicht. Ich hoffe, dass Konkurrenz das Geschäft belebt und auch TB besser wird.

Ich möchte ein E-Mail-Programm haben, dass für mich selbst funktioniert. Ich möchte zeigen, dass es auch mit wenig Personaleinsatz möglich ist, ein besseres Produkt anzubieten. Unser Angebot richtet sich an fortgeschrittene Benutzer, die die punktuellen Verbesserungen wahrnehmen und keine Lust haben, Monate oder Jahre auf eine Fehlerbehebung zu warten. Auf die Mehrzeilen-Ansicht, die andere Mail-Clients bieten, warten TB-Benutzer nun schon seit 2003. Meine Mutter benutzt immer noch den Standard-Thunderbird, sie würde den Unterschied nicht merken, viele Andere aber schon. Gute Unterstützung habe ich im www.thunderbird-mail.de Forum gefunden, wo einige Benutzer zu Betterbird gewechselt sind.

Technische Umsetzung

Technisch gesehen nimmt das Betterbird-Projekt den aktuellen Thunderbird-Release und wendet eine Gruppe von Änderungen (patches) an, die auf GitHub verwaltet werden. Diese Änderungen statten Betterbird mit neuen Funktionen und Bug Fixes aus, ohne dass die Sicherheit beeinträchtigt wird, wie es bei vielen anderen Forks von Mozilla-Projekten der Fall ist. Die aktuelle Version ist 91.4.0 und brandneu. Das vollautomatisch erstellte Linux-Build hat die Community beigesteuert. Der Download für Linux und Windows in 64-Bit findet sich auf der Projektseite, eine FAQ erläutert, für wen Betterbird eine gute Wahl ist. Ein deutscher Foren-Thread hilft bei Problemen.

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