Rotes Codebracket

ArtCraft: Mit KI gegen Adobe, Microsoft und das Geschäftsmodell proprietärer Software

Ein einzelner Entwickler, eine KI und eine Reihe von Anwendungen, die sich an einigen der bekanntesten Programme der Softwarebranche orientieren: Mit ArtCraft versucht Brandon Thomas, proprietäre Schwergewichte wie Adobe Photoshop, Premiere Pro oder Microsoft Word durch freie Alternativen zu ersetzen. Die Anwendungen entstehen in Rust, wobei Anthropics KI-Modell Claude Opus 5.5 einen erheblichen Teil der Entwicklungsarbeit übernimmt. Das Projekt wirft damit nicht nur technische und rechtliche Fragen auf, sondern auch eine grundsätzliche: Könnte künstliche Intelligenz langfristig das Geschäftsmodell proprietärer Software untergraben?

Von Photoshop bis Microsoft Office

Den Anfang machten Ende September sieben Anwendungen, die sich an Adobes Creative Cloud orientieren. Dazu gehören PhotoCraft als Photoshop-Alternative, VectorCraft für Illustrator, FilmCraft für Premiere Pro, LightCraft für Lightroom, EffectCraft für After Effects, DesignCraft für InDesign und PdfCraft für Acrobat Pro. Inzwischen hat Thomas das Portfolio um WordCraft, GridCraft und DeckCraft erweitert, die Microsoft Word, Excel und PowerPoint nachbilden sollen. Auch Alternativen zu Avid Pro Tools und Autodesk AutoCAD sind hinzugekommen.

Die Projekte sind auf GitHub veröffentlicht und stehen unter den freien Lizenzen MIT beziehungsweise Apache 2.0. Sie sollen nativ unter Linux, macOS und Windows laufen und über WebAssembly auch im Browser nutzbar sein. Eine Besonderheit ist die Möglichkeit, Funktionen nicht nur über die grafische Oberfläche, sondern auch über Kommandozeile, JSON-Schnittstellen und das Model Context Protocol (MCP) durch KI-Agenten anzusteuern.

Beeindruckendes Tempo, begrenzte Funktionalität

Die Geschwindigkeit der Entwicklung ist bemerkenswert. Thomas setzt nach eigenen Angaben neben Opus 5.5 auf mehrere parallel arbeitende KI‑Agenten. Er bezeichnet die Projekte als Clean-Room-Neuimplementierungen, bei denen kein proprietärer Quellcode der Originale übernommen worden sein soll.

Die Programme befinden sich in einem frühen Entwicklungsstadium und sind von der Funktionalität ihrer Vorbilder noch weit entfernt. Erste Praxistests, unter anderem bei TechRadar, zeigen deutliche Einschränkungen. PhotoCraft hat Probleme bei der Verarbeitung bestimmter Bildformate und beim Speichern, während FilmCraft noch grundlegende Funktionen zur Videobearbeitung vermissen lässt.

Noch sind die Programme deshalb eher ambitionierte Machbarkeitsstudien als ernsthafte Konkurrenz für die seit Jahrzehnten etablierten Produkte. Ob aus den schnell generierten Codebasen langfristig zuverlässige Anwendungen werden, hängt auch davon ab, ob sich genügend Entwickler für Qualitätssicherung, Fehlerbehebung und kontinuierliche Wartung finden lassen.

Rechtlich auf dünnem Eis?

Ob sich Adobe und Microsoft gegen die Nachbauten wehren können, ist keineswegs eindeutig. Grundsätzlich ist es nicht verboten, Funktionen proprietärer Software in einer unabhängigen Anwendung nachzubilden. Der Europäische Gerichtshof stellte bereits 2012 im Verfahren SAS Institute gegen World Programming fest, dass die Funktionalität eines Computerprogramms und seine Programmiersprache nicht dem Urheberrechtsschutz unterliegen.

Entscheidend ist deshalb, ob Thomas tatsächlich eigenständige Implementierungen erstellt hat. Die von ihm verwendete Bezeichnung Clean Room beschreibt ein Entwicklungsverfahren, bei dem eine Software anhand ihres beobachtbaren Verhaltens nachgebildet wird, ohne ihren geschützten Quellcode zu übernehmen. Dass KI den neuen Code schreibt, ändert an den rechtlichen Anforderungen zunächst einmal nichts.

Fast identische Benutzeroberflächen

Problematischer könnte die nahezu identische Gestaltung der Benutzeroberflächen werden. Grafische Elemente können nämlich ebenfalls urheberrechtlich geschützt sein. Auch das Reverse Engineering unterliegt rechtlichen Grenzen. Ein KI-generierter Nachbau ist nicht automatisch frei von Ansprüchen der ursprünglichen Rechteinhaber. Die Behauptung, es handle sich um rechtlich unbedenkliche Clean-Room-Implementierungen, stammt bislang vom Projekt selbst und ist somit keine unabhängige rechtliche Prüfung.

Dass sich diese Entwicklung nicht auf Büro- und Kreativsoftware beschränkt, zeigt das Projekt IngeTrazo des peruanischen Bauingenieurs Marco Sumari Tellez. Die unter der GPLv3 entwickelte Clean-Room-Anwendung bietet eine freie Alternative zu proprietären 3D-Modellierungsprogrammen wie SketchUp für Architektur und Ingenieurwesen. Sie unterstützt unter anderem die Bearbeitung von 3D-Modellen, den Import von SketchUp-Dateien im SKP-Format und den Export von IFC-Daten. Anders als ArtCraft basiert IngeTrazo auf Python und Qt und wurde nicht mit KI erstellt. Über eine MCP-Schnittstelle lassen sich aber KI-Agenten wie Claude zur Steuerung der Anwendung einsetzen. Das Projekt zeigt damit einen weiteren Ansatz, wie freie Software in bislang von proprietären Lösungen dominierten Bereichen Fuß fassen kann.

Ist KI das Ende proprietärer Software?

Die eigentlich interessante Frage, die sich mir in diesem Zusammenhang stellt, reicht über ArtCraft hinaus. Wenn ein einzelner Entwickler mithilfe von KI innerhalb weniger Tage Anwendungen erstellen kann, für deren Entwicklung bisher große Teams und erhebliche Investitionen erforderlich waren, könnte das die wirtschaftlichen Grundlagen proprietärer Software verändern.

Allerdings besteht zwischen der schnellen Nachbildung einer Benutzeroberfläche und der Entwicklung eines konkurrenzfähigen Produkts ein erheblicher Unterschied. Zu einer professionellen Anwendung gehören neben der Funktionalität auch Stabilität, Kompatibilität, Support und langfristige Wartung. All das lässt sich bislang nicht durch KI-generierten Code ersetzen.

Dennoch könnte ArtCraft einen Vorgeschmack auf eine Entwicklung geben, die gerade für Open Source interessant ist. KI senkt die technischen und finanziellen Einstiegshürden für die Entwicklung komplexer Software erheblich. Damit könnten künftig auch kleine Projekte Anwendungen anbieten, die bisher aufgrund des Entwicklungsaufwands nicht realisierbar waren.

Das bedeutet vermutlich nicht das Ende proprietärer Software, könnte aber das Ende einer Zeit einläuten, in der proprietäre Anwendungen allein aufgrund ihres über Jahrzehnte gewachsenen Funktionsumfangs weitgehend vor neuer Konkurrenz geschützt waren. Wenn KI die Kosten der Softwareentwicklung nachhaltig reduziert, werden sich Hersteller stärker über Qualität, Dienstleistungen und ihre Ökosysteme differenzieren müssen. Ob ArtCraft selbst langfristig eine Rolle spielt, ist dabei fast zweitrangig. Das Projekt demonstriert bereits heute, wie schnell sich die Voraussetzungen für Softwareentwicklung verändern können.

Foto von Jackson Sophat auf Unsplash

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