Volla & die Liebe, die jedes Hindernis überwindet

Es mag vielleicht etwas off-topic sein, aber Anlass war VollaOS. Die Betriebssysteme, welche auf dem Android Open Software Program AOSP basieren, haben ja auch einen Linux Kernel, wenn auch nicht den der Mainline. Im Umfeld der alternativen mobilen Betriebssysteme stößt man manchmal auf weniger alltägliche Geschichten, wie die von Gaby und ihrem Mann Mitri, der aufgrund eines Unfalls ein Schädelhirntrauma erlitt und nun mit einer kognitiven Einschränkung der Wahrnehmung zurechtkommen muss.

Strukturiert, aber das Sprungbrett…

VollaOS ist sehr strukturiert und logisch aufgebaut, jedoch musste Gaby das Sprungbrett des Volla Launchers durch eine Startseite mit den für ihn benötigten App-Icons ersetzen. Das Sprungbrett hat ihn überfordert, er wird es wohl nie nutzen können. Dazu müsste er dabei lesen, was er auf Deutsch nur auf sehr niedrigem Niveau vermag. Wörter in lateinischer Schrift kann er nicht wie ein Bild erfassen, sondern kaut sie Buchstabe für Buchstabe durch.

In seiner Muttersprache Arabisch hingegen klappt die bildliche Worterfassung super. Ein weiteres Problem wäre für ihn, wenn er zu den Icons blättern müsste, da diese fast alle grau gehalten sind. Das sieht zwar schick aus, ist aber für Menschen mit gewissen Einschränkungen ein Hindernis. Mit dem alternativen Launcher Trebuchet hingegen sind alle Icons so, wie er sie von seinem alten Handy kennt, für das es keine Updates mehr gibt. Dafür hat seine Frau 10 Icons auf zwei Zeilen in für ihn logischer Reihenfolge angeordnet und dazu ein ideales, recht dunkles Hintergrundbild eingerichtet, von dem sie sich gut abheben.

Das Bild stammt von einer Freundin, einer Fotografin von Beruf(ung) und stellt ein tobendes Gewitter dar. Im untersten Siebtel des Bildes ist die Silhouette einer Hügelkette. Der Punkt, an dem der Höhenzug an den Himmel grenzt, ist der Anhaltspunkt für Mitri, an dem er mit dem Finger ansetzen und soweit hochziehen muss, sodass die geöffneten Apps nacheinander erscheinen und er sie in einem zweiten Ansetzen nach oben wegswipen kann. Gesunde Menschen mit “normaler” Wahrnehmung sind nicht so sehr auf solche Spezialhilfen angewiesen, bei ihm hingegen sind solche Dinge essenziell.

Das Hintergrundbild stellt sie hier vor, sodass es vielleicht für andere Beeinträchtigte ebenfalls eine Hilfe sein kann. Allein für den Screenshot haben die beiden anderthalb Stunden aufgewendet, um Folgendes durchzuspielen: Seine Aufgabe war, einen Screenshot vom Startbildschirm zu erstellen und ihr per Messenger zuzusenden.

Universelle Sprache

Als Benachrichtigungston des Weckers hat sie für Mitri ein von ihm sehr geliebtes, altes arabisches Volkslied hinterlegt, das der mit den beiden eng befreundete Johnny, Pianist und einer der weltbesten Komponisten, für Klavier adaptiert hat. Aufgenommen wurde es an einem von Gaby organisierten Klavierkonzert mit dem Titel „Orient meets Steinway“ durch Fabian von Freelancer Fabba. Das Original kennt man am ehesten von der berühmten libanesischen Sängerin Fairuz. Johnny und Mitri stammen auch aus dem Libanon.

„Bint El Chalabiyya“, adaptiert und gespielt von Johnny Hachem
Copyright: Gaby, Johnny und Fabian

Menschen mit kognitiven Beeinträchtigungen erreicht man am besten mit universeller Sprache wie Musik und Bild. Gaby ist nun sehr glücklich, dass ihr Liebster jetzt nach den Anfangsschwierigkeiten „volla“ auf sein Volla Phone “abfährt”, welches ihr jemand aus der Telegram Volla User Community freundlicherweise verkauft hat.

Das Titelbild dieses Beitrags wurde übrigens von Gaby gezeichnet.

Mich hat die Geschichte der beiden sehr berührt, sodass ich sie fragte, ob ich sie hier auf linuxnews.de veröffentlichen darf. So schön ihre Geschichte ist, bestätigt mich das in der Überzeugung, dass es Grenzen dafür geben muss, dass Smartphones zunehmend für die Teilhabe an unserer Gesellschaft zur Voraussetzung werden. Nicht nur, aber auch deshalb, weil Menschen, die nicht ins Standardschema passen, dabei schnell ins Abseits geraten. Da kann man nur von Glück sprechen, wenn man einen lieben Menschen zur Seite hat, der einen dabei unterstützt, den Alltag zu meistern.

Ich bin ein technikbegeisterter Mensch, jedoch keiner, der Technik bedenkenlos einsetzen möchte.

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3 Kommentare

  1. Bin sehr erfreut über diesen Artikel.
    Die Menschlichkeit ist der entscheidende Schlüssel für ein gutes Miteinander, und die Technik kann dabei helfen, sofern sie nicht ausschließlich der Gewinnmaximierung dient.

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  2. Schöner Artikel, der auch mal klar macht, welche Probleme Menschen haben können (und wie schnell man zu so einem Menschen werden kann), und wie man ihnen bei ihren Problemen helfen kann.

    Wenn man keinen Kontakt damit hat, denkt man da viel zu wenig drüber nach.

    Vielen Dank dafür.

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  3. Sehr rührende Geschichte. Danke dafür, dass du die mit uns hier geteilt hast.
    Schön das er so liebe Menschen an seiner Seite hat die sich so bemüht haben.
    Die Technik (ob Volla diese zur Verfügung stellt oder wer anderes, spielt m.M.n. gar nicht so die Rolle) die ihm hilft ein Stück Alltag zurück zu gewinnen. Toll!

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