Wurde Thunderbird 102 zu früh veröffentlicht?

Gestern stolperte ich über einen Blogeintrag vom Kollegen Marius auf Marios Welt. Dort wurde nahegelegt, dass Thunderbird 102 trotzt mehrerer zum Teil schwerer Fehler zu früh veröffentlicht wurde. Dem bin ich nachgegangen und stieß auf manche Ungereimtheit.

Nach dem Lesen des obigen Blogeintrags wandte ich mich an den ehemaligen Thunderbird-Maintainer Jörg Knobloch, der mittlerweile den Soft-Fork Betterbird veröffentlicht. Ich fragte ihn nach seiner Einschätzung zur Veröffentlichung von Thunderbird 102. Er verwies mich auf einige relevante Quellen, die Erschreckendes zutage förderten.

Update-Freigabe zu schnell

Thunderbird 102 wurde Ende Juni veröffentlicht, das manuelle Update-Angebot für Thunderbird 91.x auf 102.0 folgte bald darauf am 30. Juni. Manuelles Update bedeutet, dass der Anwender den Update-Button in der About-Box klicken muss, um an die neue Version zu kommen.

Üblicherweise erst ab 102.2

Davor ließ sich das Update nur per Download bewerkstelligen. Üblicherweise wäre das Update-Angebot erst mit v102.2 freigegeben worden. Man wich hier jedoch vom gewohnten Vorgehen ab, um »die Anzahl der Nutzerrückmeldungen zu erhöhen.« Am 3. Juli wurde das Update aufgrund der sich häufenden Bug-Reports wieder abgeschaltet. In der Zwischenzeit hatten rund 500k User das Update durchgeführt.

Im deutschen Community-Forum von Thunderbird erschien am 22. Juli ein Eintrag, der auf möglichen Datenverlust bei den Versionen 102 bis 102.0.2 hinwies. Dort heißt es:

Durch technische Änderungen im Code des Thunderbird 102 kann es bei Anwendern der Version 102.0 bis 102.0.2 zu Datenverlust bei den E-Mails kommen. Betroffen sind potenziell auch Anwender, die vorherige Beta-Versionen von 93 bis 102 verwendet hatten.

Achtung: Wenn Sie eine der genannten Beta-Versionen verwendet hatten oder wenn Sie eine 102er-Thunderbird-Version vor 102.0.3 verwendet haben, kann der Datenverlust auch noch in den eigentlich reparierten späteren Versionen auftreten (und theoretisch auch, wenn Sie auf die Idee kommen, wieder eine ältere Version zu verwenden)!

https://www.thunderbird-mail.de/article/159-m%C3%B6glicher-datenverlust-durch-thunderbird-102-bis-102-0-2-handlungsempfehlung/

Die Symptome, die in verschiedenen Foren und auf Bugzilla beschrieben werden, umfassen demnach:

  • Es wird der Inhalt von falschen E-Mails angezeigt (Daten in der Themen-/Nachrichten-Liste stimmen nicht mit der letztlich angezeigten E-Mail überein).
  • Teile des Inhalts von E-Mails fehlen.
  • Statt des Inhalts der E-Mails werden Header-Daten (sozusagen technische Daten des Versandwegs der E-Mails) angezeigt.

Komplexe Fehlerkombination

Verantwortlich dafür ist laut dem Eintrag eine »komplexe (und nicht einfach zu erklärende) Kombination von Fehlern [verantwortlich], die bei jedem Anwender unterschiedlich “verkettet” sein können und somit zu unterschiedlich starken Auswirkungen geführt haben (oder noch führen) können.« Darauf folgt ein recht drastischer Lösungsansatz mit einigen Warnungen in fetter roter Schrift.

Alexander Ihrig, seit vielen Jahren Betreiber des obigen Forums und Autor einiger Thunderbird-Add-ons, wandte sich am 20. Juli offiziell an die Entwickler von Thunderbird und forderte eine klare zusammenfassende Aussage zum Gesamtproblem, in der die betroffenen Nutzergruppen (Beta-Versionen, erste 102 Versionen…) möglichst klar benannt bzw. abgegrenzt und geeignete Lösungen aufgezeigt werden.

Die Antwort des Thunderbird Community Managers Wayne Mery lautete:

Eine kurze, klare Zusammenfassung wäre viel zu lang, um hier das gesamte Problem zu beschreiben, da es eine Reihe von Problemen und mehrere Symptome in mehreren Fehlerberichten gibt.

Wayne Mery

Gravierendster Fehler in der Geschichte von Thunderbird

Alexander Ihrig, der anders als Jörg Knobloch nicht als Thunderbird-Kritiker bekannt ist, führt weiterhin aus, dass er das Projekt bereits vor Thunderbird 0.1unterstützt hat und sich an keinen Fehler mit Datenverlust in den mbox-Dateien erinnern kann, der so gravierend war wie der, der hier durch das kombinierte MSF/mbox-Problem verursacht wurde. Es hielt es für an der Zeit und angemessen für eine offen sichtbare Erklärung, Warnung und Hilfe oder Links zur Hilfe direkt auf thunderbird.net zu platzieren. Eine solche Erklärung an prominenter Stelle sucht man bis heute vergeblich. Jedenfalls konnte ich keine finden. Somit kann man das Update auf Thunderbird 102 aus meiner Sicht nur als an vielen Stellen aus dem Ruder gelaufene Fehlleistung bezeichnen.

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20 Kommentare

  1. Da hab ich wohl Glück gehabt 🙂
    ich hab am vergangenden WE von V91 auf V102.2.1 upgedatet. Bei mir ist glücklicherweise nix von den beschriebenen Fehlern aufgetreten. Allerdings habe ich den TB zum ersten mal als SNAP installiert. Und ich habe mich schon länger von MBOX verabschiedet zu Gunsten von Maildir. Das Heisst: Es war keine Migration des Mailstores notwendig, nur den Pfad zum Maildir angeben beim einrichten der Konten (mein Maildir ist ausserhalb des TB-Profils) >> voila! Bisher ist der neue TB für mich sehr positiv. Ich hab den Change gemacht weil ich das neue Adressbuch haben wollte (funktioniert einwandfrei inkl. CardDav sync). Die neue Optik hat mich positiv überrascht weil ich die gar nicht auf dem Radar hatte.

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  2. Vielen Dank für den Hinweis! Nutze Thunderbird, akt: 91.13.0, Win10, 32Bit portable, unter Linux Mint mit Wine, seit über 10 Jahren. Bis jetzt ist jedes Update fehlerfrei durchgelaufen, was ich schon enorm finde. Habe mal einen Blick in das deutsche Forum und Betterbird geworfen. Also werde ich in Zukunft mit dem Update länger warten und mich vorher schlau machen. Und nun IMMER voher ein Backup machen. Ich finde Thunderbird von der Bedienung und von Workflow prima, nutze Lightning Kalender und Aufgaben über Nextcloud, läuft prima. Thunderbird ist neben Kmail eine der ganz wenigen Programme die Aufgaben im Kalender anzeigen, das hilft mir bei meinem GTD Timeblocking Verfahren. Über Davx5 und Acalendar auch prima auf Android nutzbar!

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  3. Das ist natürlich heftig. Ich nutze den TB jetzt auch schon mehr als 10 Jahre, privat und gewerblich und immer auf Debian Stable, momentan Version 91.13.0. Der TB ist auch mein einziger E-Mail Client, welchen ich nutze. Als Notfall bliebe noch Webmail, wenn gar nichts mehr gehen sollte.

    Da bleibt nur die Hoffnung, das die Entwickler für die 102er sich nicht in die Wolle kriegen und alsbald eine Aktualisierung rausbringen.

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    1. Bei mir mit Debian Sid und TB 102.xxx von der Mozilla HP gab es von Anfang an keine Probleme. Meine Einstellungen wurden anstandslos übernommen, ebenso meine CSS Schnipsel. Einige Bezeichner hatten sich geändert, aber das ist bei einem Major-Release normal.
      Es hängt auch immer stark von der eigenen Benutzung der Software ab, nicht jeder braucht alle Funktionen, daher sind manche Fehler für manche Leute gar nicht existent.

      Meine persönliche Meinung: J.Knobloch ist TB gegenüber doch etwas voreingenommen…resultiert sicher aus seinen persönlichen Erfahrungen im Entwicklerteam. Da kann sich jeder seinen Teil dazu denken.

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  4. Das erinnert mich daran, wie KDE 4.0 herauskam und sich schnell zeigte, dass es komplett fehlerhaft und unausgereift war, sodass die Entwickler nach kurzer Zeit eingestehen mussten, dass es “nicht wirklich fertig” war. Ähnlich war es mit KOffice 2.0, wo die Entwickler noch bei Version 2.2 eingestanden, dass es eigentlich eine Beta-Version war.

    Das hat mich damals tierisch genervt, mit welcher Dreistigkeit (bzw. aus ihrer Sicht Selbstverständlichkeit) die Entwickler unfertige Software herausbringen und Endanwender auflaufen ließen.

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  5. Für mich die Bestätigung, dass ich seiner Zeit von Thunderbird weg gegangen bin um eine Alternative zu nutzen.
    Betterbird wäre vielleicht aus heutiger Sicht eine auch eine Alternative gewesen.
    Auch die Politik von Debian erscheint mir hier richtig und wichtig.
    Ist halt abgehangener, aber das Risiko ist definitiv kleiner das Fehler/Risiken wie im Artikel beschrieben, auftauchen.
    Möchte keine Diskussion bzgl. Debian und z.B. Firefox entfachen.
    Ich halte das grundsätzliche für Fahrlässig wenn ein Projekt so verfährt.
    Das sollte auf keinen Fall Schule machen.
    Andernfalls muss das klar als Beta deklariert werden mit allen Risiken das wäre Fair.

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      1. Ich hatte seiner Zeit (vor ca. 2 Jahren schätze ich) auch Probleme mit TB bis zum Crash. Diverse Probleme, bedingt durch Kompatibilitätsprobleme von Version zu Version.
        Daher habe ich mich entschieden auf Evolution zu setzen. Ich nutze ohne hin GNOME. Da ist es fast naheliegend.
        Hatte diverse eMail Clients getestet und bin dort hängen geblieben. Läuft super stabil und dort hast du nicht diese Probleme wie bei TB.
        Wie ist es den mit BB? Läuft das besser?

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          1. Wenn ich das alles so lese und mir durch den Kopf gegen lasse, dann war es eine gute Entscheidung zu Evolution rüber zu schwenken. Macht nur Sinn wenn du ohne hin GNOME nutzt, aber bei kir passt es halt.
            Gibt einige weitere tolle Projekte aber da muss jeder das passende für sich heraus finden.
            TB war ja auch nicht schlecht und ein Stern am Himmel, aber schon seit einiger Zeit eher am aus glühen.

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              1. GNOME und Evolution ziehen schon ein paar Abhängigkeiten nach. Wenn ich KDE nutzen würde, dann wäre mir das nicht egal.
                Wenn du Evolution nicht kennst und ebbes neues suchst, dann gib dem eine Chance. Hat bei mir auch eine Weile zum warm werden gebraucht …vor allem wenn du von TB kommst.

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    1. Das ist nicht nur bei den Großen so. Alles muss agil und innovativ sein, ansonsten hängt die Konkurrenz ab. Am besten jede Woche ein neues Feature. Ständig muss alles umgebaut und erneuert werden, könnte ja sonst sein, dass die User sich an die Oberfläche gewöhnen und ihnen langweilig wird. Stabilität, Ressourcensparsamkeit und Effizienz? Von vorgestern.

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  6. Lol… Das ist ein GAU.

    > Üblicherweise wäre das Update-Angebot erst mit v102.2 freigegeben worden. Man wich hier jedoch vom gewohnten Vorgehen ab, um »die Anzahl der Nutzerrückmeldungen zu erhöhen.«

    Es gab mal eine Zeit, da wurde Software mit Betastatus noch so bezeichnet.

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