Kernel-Entwickler Greg Kroah-Hartman (GregKH) hat in seinem Blog einen Statusbericht über den derzeitigen Stand der Dinge bei Meltdown und Spectre veröffentlicht. Als Essenz bleiben zwei Kernsätze:

  • Linux-Nutzer sollten in den nächsten Monaten noch eifriger auf zeitnahe Kernel-Updates achten.
  • Wer eine Distribution nutzt, die noch keinen aktualisierten Kernel mit den KPTI-Patches anbietet, sollte jetzt die Distribution wechseln.

GregKH, der Maintainer der Stable-Kernel-Reihe, verweist zum Verständnis der Ereignisse auf das Projekt-Zero-Papier der GoogleSicherheitsforscher, das er in seiner Qualität für preisverdächtig hält. Weitere technische Details, wie die Kernel-Entwickler die Lücken zu schließen versuchen, finden sich auf LWN im Artikel »Addressing Meltdown and Spectre in the kernel«, der allerdings derzeit nur für Abonnenten zugänglich ist.

Kritik an den betroffenen Unternehmen gibt es nicht nur von Linus Torvalds, sondern auch von GregKH, wenn der sagt, dies sei ein Paradebeispiel dafür, wie man nicht mit der Kernel-Entwicklergemeinde umgehen sollte. Es gibt laut GregKH dazu noch einiges zu sagen, jetzt sollen allerdings zunächst die Fehler beseitigt werden.

Meltdown – x86

Der heute erwartete Kernel 4.15-rc7 wird alle Patches gegen Meltdown enthalten, die bisher verfügbar sind. Da aber die wenigsten Anwender rc-Kernel nutzen, hat GregKH als Hüter der stabilen Kernelreihen den Page-Table-Isolation-Code, der Meltdown-Angriffe vereitelt, in den aktuellen Kernel 4.14.12 übernommen. In  den nächsten Tagen wird dieser von 4.14.13 abgelöst, der einige Patches für Systeme enthält, die Bootprobleme mit 4.14.12 haben. Auch die LTS-Kernel 4.4 und 4.9 sind mit der Option CONFIG_PAGE_TABLE_ISOLATION neu gebaut und veröffentlicht worden.

Meltdown – ARM64

Die Meltdown-Patches für ARM64 sind noch im aktuellen Kernel-Zweig integriert. Sie sind fertig und sollen, sobald 4.15 in wenigen Wochen aus der Tür ist, in 4.16-rc1 gemerged werden. Anwender, die auf einen ARM64-Kernel angewiesen sind, sollten daher derzeit auf den Android Common Kernel-Zweig setzen. Die Patches sind dort in die Zweige 3.18, 4.4 und 4.9 gemerged worden.

Spectre

Bisher sind keine Patches gegen diesen Angriffsvektor in die offiziellen Kernelreihen eingebracht worden. Es liegen eine Menge Patches auf diversen Mailinglisten vor, die das Problem angehen, aber alle sind noch in heftiger Entwicklung begriffen. Teilweise gibt es Konflikte zwischen diesen Patches, die zum Teil noch nicht einmal so weit sind, dass sie gebaut werden können. Hier herrscht ziemliches Durcheinander. Das liegt daran, dass die Spectre-Probleme die letzten waren, die von den Kernel-Entwicklern angegangen wurden. Alle arbeiteten an Meltdown-Lösungen, und es lagen keine wirklichen Informationen darüber vor, was genau das Spectre-Problem überhaupt war.

Aus diesem Grund wird es noch einige Wochen brauchen, um diese Probleme zu lösen und sie Upstream zusammenzuführen. Die Korrekturen kommen in verschiedenen Subsystemen des Kernels an und werden gesammelt und in den stabilen Kernel-Updates veröffentlicht sobald sie gemerged sind. Also ist es auch hier am besten, mit den Kernel-Releases der verwendeten Distribution oder den LTS- und stabilen Kernel-Releases auf dem Laufenden zu bleiben.

Meltdown & Spectre: Alle im gleichen Boot

Die gesamte Industrie sitzt hier derzeit im gleichen Boot. Kein Betriebssystem scheint gegen Spectre bisher ausreichend gewappnet. Die vorgeschlagenen Lösungen sind nicht gerade trivial, aber einige von ihnen sind erstaunlich gut. Der Retpoline-Post von Googles Paul Turner ist ein Beispiel für einige der neuen Konzepte, die zur Lösung dieser Probleme entwickelt wurden. Dies wird in den nächsten Jahren ein Bereich mit vielen Forschungsarbeiten sein, um Wege aufzuzeigen, wie man die potenziellen Probleme im Bereich der spekulativen Ausführung bei modernen Prozessoren in den Griff bekommt.

Derzeit liegen Patches für Meltdown und Spectre lediglich für die Architekturen x86 und arm64 vor. Einige Patches sind in Unternehmens-Distributionen gesichtet worden, die hoffentlich bald in den Upstream eingeführt werden.

»Im Moment gibt es eine Menge sehr überarbeiteter, mürrischer, schlafloser und einfach nur angepisster Kernel-Entwickler, die so hart wie möglich daran arbeiten, diese Probleme zu lösen, die sie selbst überhaupt nicht verursacht haben. Bitte seid hier rücksichtsvoll. Sie brauchen die ganze Liebe und Unterstützung und kostenlose Versorgung mit ihrem Lieblingsgetränk, das wir ihnen zur Verfügung stellen können, um sicherzustellen, dass wir alle so schnell wie möglich mit reparierten Systemen arbeiten können.«

 

 

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