Computer-Maus

GNOME will mittlere Maustaste kastrieren

Ein vor zwei Tagen von GNOME-Entwickler Jordan Petridis eingereichter Merge Request sieht vor, die Funktion des Einfügens von markiertem Text über die mittlere Maustaste zu deaktivieren. Dies passt in eine ganze Reihe anderer Funktionen, die GNOME in den vergangenen Jahren deaktiviert oder entfernt hat, sodass viele Anwender nicht ohne GNOME‑Extensions auskommen. Mit Libadwaita wurde zudem eine starke Designautorität eingeführt, die Einschränkungen für Distributionen wie Linux Mint oder Pop_OS hatte.

Bevormundung

Der Frust der Benutzer richtete sich unter anderem gegen die Entfernung der Minimize/Maximize-Buttons, immer weiter abgespeckte Kontextmenüs, das Abschalten von »Type-to-Select« in Nautilus und der dezimierte Screenshot- und Screencast-Workflow. Vieles davon ist ideologisch motiviert und möchte den Anwendern vorschreiben, wie sie ihren Desktop zu benutzen haben. Nun soll also der Mittelklick kastriert werden.

Petridis argumentiert, das Pasten per Mittelklick sei ein »X11ism«, also ein Überbleibsel aus der X11-Zeit, und werde häufig versehentlich genutzt.

Es wird häufig für andere Aktionen verwendet oder noch häufiger versehentlich angeklickt, und das Entleeren Ihrer gesamten Zwischenablage, ohne dass Sie darauf hingewiesen werden, ist nichts weniger als eine Katastrophe.

Das Umsteiger von anderen Betriebssystemen anfangs einmal versehentlich etwas pasten, anstatt schnelles Scrollen zu aktivieren, mag ja zutreffen, sollte aber nicht häufiger passieren.

Vorteil gegenüber Windows

Das Kopieren durch Auswählen von Text und Einfügen mit der mittleren Maustaste ist nach meinem Empfinden einer der Vorteile, die Linux gegenüber Windows bei der Desktop-Nutzung hat. Eine Funktion, die von mir zigmal täglich genutzt wird und seit jeher im Muskelgedächtnis verankert ist. Auch unter Wayland funktioniert das mit KDE Plasma wie gewohnt.

Zweigeteiltes Echo

Die Entscheidung über den Standard wurde dem Designteam von GNOME zur Prüfung vorgelegt. Das Echo auf den Merge Request ist zweigeteilt. Auf Reddit und anderswo empfindet die Mehrheit der vermutlich älteren Anwender die Deaktivierung der Funktion als Gängelung, während vermutlich jüngere Nutzer, die mit Touchscreens aufgewachsen sind, die Deaktivierung gut finden und die STRG-C/STRG-V-Clipboard-Logik bevorzugen.

Das Mittelklick-Paste-Verhalten lässt sich mit gsettings set org.gnome.desktop.interface gtk-enable-primary-paste true wieder aktivieren. Für mich ist es trotzdem eine weitere Umerziehungsmaßnahme einer Gruppe von GNOME-Entwicklern gegenüber ihren Anwendern. Mozilla hat im gleichen Atemzug ebenfalls einen Bugreport erstellt, der das Pasten per Mittelklick deaktivieren soll.

Foto von Andrey Matveev auf Unsplash

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20 Kommentare

  1. Alle regen sich über die mittlere Maus Taste und das Pasten auf.
    Ich nutze zum Kopieren grundsätzlich die Tastatur, weil es einfach schneller geht und ich das schon zu Win Zeiten so gemacht habe.
    Mir würde es noch nicht einmal auffallen, wenn die Funktion weg wäre und in diesem Sinne würde ich abwarten bis es einen wirklichen Grund zur Beschwerde gibt. Dann, wenn die Funktion unwiderruflich weg ist.
    Bis dahin finde ich das albern über etwas zu jammern, was noch gar nicht passiert ist.
    Hier wird wieder viel blaming betrieben.

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  2. Ist schon der erste April?
    Meine ersten Gehversuch mit Linux hatte ich so um 2002 herum. Und ich fand es toll mit dem Mittelklick einfügrn. Allerding kam ich zu Windows,zu zurück. Und ich vermißte es. Als ich Ende 2024/25 wieder zu Linux zurück kam, war das Erste, worüber ich mich freute, genau diese Funktion wieder zu haben.

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  3. Ich bin da voll bei GNOME. Nicht nur die mittlere Maustaste ist überflüssig. Der Mauszeiger versperrt die Sicht auf das, was hinter dem Mauszeiger ist. Also: Weg mit dem Mauszeiger!
    Bei der Gelegenheit kann GNOME das unnütze G, das sinnlose M und das überflüssige E gleich mit entfernen. Da bleibt dann NO übrig – was eine echte Bereicherung darstellt.

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  4. Paste per Mittelklick habe ich auf dem Linux-Desktop seit Jahrzehnten benutzt und das war eine super Sache!

    “Vieles davon ist ideologisch motiviert und möchte den Anwendern vorschreiben, wie sie ihren Desktop zu benutzen haben.”

    Was ist daran jetzt GNOME spezifisch? Das machen schließlich _alle_ graphischen Oberflächen. Wenn es einem nicht passt, was die Entwickler gerne hätten, dann nehmt halt eine andere DE oder ein anderes OS.

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  5. Ich war Gnome2 Fan. Der war schnell einfach und tat, was er sollte. Bei Gnome heutzutage wird immer mehr entfernt die Extensions, die ich benötige, um produktiv zu arbeiten. Machen bei neuen Versionen oft Probleme. Hin und wieder schalten sich die Extensions ganz aus. Mir hat es jetzt gereicht und ich habe die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr genutzt und bin zu SwayWM gewechselt. Der sieht so aus und verhält sich so, wie ich das möchte, bis ich es ändere.

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  6. Ich sende häufig im Browser markierten Text an einen Sprachsynthesizer. Das erleichtert das Lesen langer Artikel.
    Die Verwendung von Ctrl+C anstelle der Zwischenablage der Maus würde den Vorgang erschweren.
    Ich verwende die Zwischenablage der Maus auch im Texteditor und im Terminal, verwechsle aber manchmal die Zwischenablagen.
    Ich denke, junge Gegner der Zwischenablage der Maus verwenden Laptops.

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  7. Bin gespannt, wann GNOME den Desktop entfernt… Aber das ist sinnbildlich für GNOME: alles weg was geht:
    – Theming
    – Systray
    – Fensterleiste
    – Notwendige Erweiterungen werden als Geschwür angesehen

    Ich bin und bleibe bei KDE!

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    1. GNOME verfolgt andere Ansätze und Erweiterungen sind ein wichtiger Bestandteil der Flexibilität und Anpassbarkeit der Desktop-Umgebung. Gnome ist praktisch beliebig erweiterbar. Alleine nur Arc-Menü mit Dash2Panel lässt KDE was das Startmenü und die Taskleiste angeht ziemlich altbacken wirken und das sind nur 2 Erweiterungen von 20.000.

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  8. Das ist halt einfach eine Abwägungsfrage. Wenn man zu dem Schluss kommt, dass das nur von wenigen Leuten bewusst, dafür aber von relativ vielen aus Versehen genutzt wird, dann ist die Deaktivierung einfach nur logisch.

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    1. Spielt keine Rolle. Die Funktion war immer da und das ist klar Bevormundung. Ich bin vor Jahren mit aus diesem Grund zu Linux gewechselt. Niemand redet mir ein was gut für mich ist. Das machen Autokraten übrigens auch. #politikoff

      Aber wie sage ich immer:
      Niemand hat die Absicht Gnome zu benutzen. 😜

      Im Leben nicht.
      Aber es gibt genug Menschen auf dieser Welt, die es mögen gesteuert und bevormundet zu werden. Na denn…

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          1. Ich suche keine Ausreden, ich differenziere.
            GNOME entfernt die Funktion nicht, sondern ändert den Default – und Defaults sind immer eine Abwägung.

            Dass neue Nutzer eine Funktion nicht kennen, gilt für sehr viele GNOME-Optionen. GNOME war nie ein „alles ist sofort sichtbar“-Desktop, sondern setzt bewusst auf reduzierte Standards und dokumentierte Einstellungen.

            Man kann das kritisieren (tue ich teilweise auch), aber „Bevormundung“ wird es erst dann, wenn etwas nicht mehr nutzbar ist. Davon sind wir hier faktisch weit entfernt.

            Und wer einen Desktop möchte, der jede etablierte Gewohnheit konserviert, hat unter Linux ja zum Glück Alternativen.

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            1. Bei GNOME ist das aber immer nur der erste Schritt. Siehe bspw. X11-Session: zunächst wurde diese nicht mehr sichtbar geschaltet in GDM, dann entfernt. Es besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass es sich mit dem Mausrad-Einfügen ebenso verhält.

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            2. Da ist grundsätzlich ja nix einzuwenden, alte Zöpfe abzuschneiden, die nicht mehr genutzt werden. Blöd wird’s allerdings dann, wenn bekannte Workflows dann umständlich zu benutzen werden dadurch oder Kompatibilität gebrochen wird. Und da trifft die Kritik bei Gnome glaube ich schon irgendwo zu. Gnome hat immer so bisschen die Ambition gehabt, UX-mäßig OSX nachzueifern, leider klappt das eher weniger gut, finde ich. Wozu einfache Workflows anbieten zum Lösen der häufigsten Arbeitsschritte, wenn’s auch umständlich geht – nur um sich halt irgendwie von den anderen Desktops abzuheben. War zu Zeiten von Gnome 2.x noch Fan davon, mittlerweile ist Plasma weit besser zu benutzen, finde ich.

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    2. Genau das passiert mit ständig! Wenn ich Citrix auf einem Fedora-Gnome-Host nutze, füge ich häufig versehentlich Text aus der Zwischenablage als Kommentare in PDF-Dokumente ein. – Dabei will ich “nur” schnell scrollen. Letzteres nutze ich deutlich häufiger als “einfügen “. In nativen Anwendungen habe ich es genau so angepasst, wie es zukünftig Standard sein soll. Ich finde das veränderte, voreingestellte Verhalten der mittleren Maustaste in Ordnung.

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